Berks County, Pennsylvania

  • ist eines der ersten Counties, das für seine Longrifles bekannt wurde.

    Dennoch ist es - entgegen den allgemeinen Gepflogenheiten - nicht wirklich berechtigt, von einer

    Berks County Schule zu sprechen.

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    Ursache: es gab einfach zu viele Büchsenmacher-Zentren, entsprechend zu viele voneinander unabhängige Stilrichtungen.

    Angefangen hat alles in Reading, mit Büchsenmachern wie Wolfgang Hachen oder John Schreit, die bereits in den 1750er

    Jahren Longrifles fertigten.

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    Beide hatten zeitlebens großen Einfluss auf die Büchsenmacher ihrer Region, ihre Arbeiten galten

    als vorbildlich, und wurden daher auch zum Vorbild. Aber Reading war eben "nur" Bezirkshauptstadt,

    die Gegebenheiten der Zeit verlangten auch in den anderen Teilen Readings aktive Büchsenmacher,

    beispielsweise in den Blue Mountains, wo z.B: die Angstadt Familie oder Joseph Neff und Stophil Long

    aktiv waren.


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    Oder Tulpehocken mit Büchsenmachern wie John Bonewitz, oder Andrew Fighthorn, Leonard Reedy, Anthony Fricker, um nur ein

    paar zu nennen.


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    Auch die Büchsenmacher aus dem Oley Valley, wie Henry Mauger, Michael Aldenderfler,

    John Derr, von denen einer für das gezeigte Gewehr verantwortlich sein muss, sind zu beachten.


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    Last not Least die Schuylkill -Büchsenmacher wie John Shof und Samuel Pannabbecker .


    Ihr könnt also erahnen, dass der Sammelbegriff "Berks County Rifle" der Komplexität des

    Themas nicht ganz gerecht wird.


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    Wann genau dieses Gewehr entstand, ist unklar, aber die Vermutung, dass dies

    in der Zeitspanne zwischen 1775 und 1790 geschah kann man mit einiger Sicherheit

    als gegeben betrachten. Denn die Signatur auf dem Thumb Piece, "ATL" ist ziemlich

    sicher Antony Lee zuzuordnen, Mitglied einer frühen und damals wichtigen Familie

    im Oley Valley, und damals wohl Käufer dieses Gewehrs.


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    Es handelt sich um eine sehr schön gefertigte Smoothrifle. Eine Gebrauchswaffe, vermutlich

    hauptsächlich für die Jagd gedacht. Nur wenig verziert, aber so hochwertig gefertigt, dass selbst

    die Beize und das Schaftöl heute noch vorhanden sind, - nur wenig nachgedunkelt. Was bei einem

    wohl 250 Jahre altem Gebrauchsgegenstand doch bemerkenswert ist.


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    Der runde glatte Lauf des Gewehrs ist 48.5" lang, also knapp über 123cm, und

    im Kaliber .54" gebohrt. Durch den glatten Lauf sowie dem Verzicht auf eine Backe sowie

    eine aufgesetzte Kimme, und dem Abzugsrahmen ohne Griffschiene kommt das Gewehr

    einer Flinte näher als einer typischen Smoothrifle, allerding ist die Wandung des Laufs

    so stark, dass mit dem Gewehr wohl hauptsächlich gepflasterte Kugeln verschossen wurden,

    und Metall-Patchboxes waren an echten Flinten damals nicht gefragt. Diese Details lassen eher

    auf 1775 als auf 1790 schließen.


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    Nachdem im Oley Valley sowohl deutschstämmige als auch englischstämmige Büchsenmacher arbeiteten,

    würde ich auf einen der letzteren als Urheber dieses Stücks tippen. Dass das Gewehr unsigniert ist, deutet auch

    auf ein frühes Entstehungsdatum hin: Nicht autorisierte Waffenschmiede wurden von den britischen Kolonialherren

    noch hingerichtet. 1790 existierte dieses Problem nicht mehr.


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    Wenn man bedenkt, was dieses Gewehr wohl gesehen hat, und es heute noch in schusstauglichem Zustand ist,

    darf man sich über so manche Gänsehaut nicht wundern.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Das ganze Geschwafel bringt natürlich nichts, wenn man sich darunter nichts vorstellen kann.

    Weil man eben keine Vergleichsmöglichkeiten hat.

    Nun - in Berks County gab es auch einen Büchsenmacher namens Nicholas Beyer.

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    Der Mann war bekannt dafür, dass er zur Verzierung seiner Büchsen gerne

    holländische Elemente verwendete. Logische Schlussfolgerung: Nachdem es

    (nur) in Berks County eine Stilrichtung/Schule gab die sich "Tulpehocken" nannte,

    wird Herr Beyer dieser wohl angehört haben.

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    Auch dieses Gewehr stammt aus dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts,

    was sich deshalb gut bestimmen lässt, weil Nicholas Beyer im 19. Jahrhundert

    von Berks nach Lebanon übersiedelte.

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    Auffällig ist, dass Beyer's Schaftverschneidungen recht massiv wirken, obwohl sie nicht größer sind

    als die anderer zu der Zeit arbeitender Büchsenmacher.


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    Der Grund dafür ist recht einfach: Beyer hat vom umliegenden/verbleibenden Schaftholz

    seiner Verzierungen mehr entfernt, weshalb die Motive höher und damit Massiver wirken.

    Was sich bei anderen Büchsenmachern vielleicht 1mm abhebt, kann bei Beyer schon 'mal

    2-3mm hoch sein.

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    Der Lauf des Gewehrs ist gezogen, und grob 42,5"lang, mit einem Kaliber von .50", und sechs

    tiefen Zügen. Wenig verwunderlich: bei diesem Gewehr finden sich alle Merkmale einer Büchse,

    sowie - wenn hier auch nicht leicht zu entziffern - Beyers Signatur.


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    Es sind einige von Beyer's Arbeiten erhalten und - was vermutlich nicht sehr verwundert -

    man könnte ein Vermögen dafür ausgeben.


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    Eine der Arbeiten aus seiner Zeit in Lebanon - etwa um 1810 - hat es immerhin in das

    berühmte Metropolitan Museum of Art - das MET - in New York geschafft.

    Schusswaffen in Kunst-Museen - speziell in dermaßen renommierten - freuen mich immer besonders!


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    besten Gruß

    Werner

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    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Ein kurzer Blick auf die Blue Mountains Region in Berks County:


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    Ein Exemplar von Jacob George (1793 - 1850), Sohn von Henry George,

    ebenfalls Büchsenmacher, beide in Greenwich Township.


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    Ein 42" langer gezogener Lauf im Kaliber .60", also ungewöhnlich groß. Was vielleicht

    nicht mehr so verwunderlich ist, da Jacob seine Lehre wohl erst in der Gegend von 1814 abgeschlossen hat,

    und in der Zeit weit verbreitet schon Pferde die Waffen trugen, es daher nicht mehr von so großer Bedeutung

    war, wie schwer ein Vorrat von 100 oder 200 Kugeln war.


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    Was man aber nicht ganz so ernst nehmen darf, denn an der Mündung sind zwei konzentrische Kreise

    graviert, demnach wurde der Lauf zweimal nachgebort und gezogen, das ursprüngliche Kaliber wird entsprechend

    kleiner gewesen sein.


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    Was aus meiner Sicht - nicht nur bei dieser Büchse - interessant ist: Obwohl die Briten

    in Amerika mit Ende des Revolutionskriegs praktisch 'rausgeflogen waren, nahm ab dieser

    Zeit die Verwendung englischer Steinschlosse deutlich zu, deutsche Steinschlosse verloren

    an Bedeutung. Warum auch immer.

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    Jacob George verwendete gerne und viele Messing Inlays, und er war ein ausgezeichneter

    Graveur. Was bei diesem Exemplar nicht auffällt, da auf eine intensive Gravur weitgehend

    verzichtet wurde. Auch auf Silberdraht-Inlays wurde bei diesem Exemplar verzichtet.


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    Inslays sind dennoch ausreichend verhanden: Ein Thumb-Piece, eines an der Backe, die Umrahmung

    der Ladestockhalterungen und - als Einziges mit ernst zu nehmender Gravur - eines vor dem Abzugrahmen.

    Nicht zu vergessen die Patch Box.

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    Typisch für Berks County: Die Büchsenmacher Zentren hatten ihre

    bedeutendsten Zeiträume nicht gleichzeitig. Reading war das erste,

    es folgte das Oley Valley, die Blue Montains kamen etwas später dran,

    hielten sich aber auch länger.

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    Übrigens typisch für alle Büchsenmacher-Zentren in Berks County und

    ein berechtigtes Argument um von einer "Berks County Schule" zu sprechen:

    Das "Adlernasen-Profil" der Kolbens, das durch die gekrümmten Ober-und

    Unterkanten entsteht - wobei die untere Kante stärker gekrümmt ist als die

    obere.


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    Aus meiner Sicht ebenfalls ein "Willhaben Objekt", allerdings auch in

    unbezahlbaren Dimensionen.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Um ein paar Details des letzten Beitrags vielleicht etwas besser zu verstehen,

    ein paar Bildchen eines anderen, etwas späteren, Originals von Jacob Geroge.


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    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Nun einen Augenblick nach Reading/Berks County, eine der Wiegen der Longrifle.

    Nicht zuletzt durch den Büchsenmacher welcher diese Rifle geschaffen hat:

    WH001.JPGEine Geschichte die manchen hier bald schon zum Hals 'raushängen wird:

    Wolfgang Hachen, geboren 1719 bei Bern in der Schweiz, hat dort noch gemeinsam

    mit seinem Bruder Nikolas das Büchsenmacher-Handwerk erlernt um 1750 in die

    Neue Welt auszuwandern.


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    Nikolas siedelte sich in York County an, verstarb aber

    bald nach der Geburt seines Sohnes Christian, Wolfgang wurde der so ziemlich

    einflussreichste Büchsenmacher in Berks, bis etwa 1800.


    WH003.JPG

    Christian lernte zunächst bei seinem Vater, nach dessen Tod bei seinem Onkel Wolfgang Hachen

    (oft auch "Haga", damals war man in Bezug auf Schreibweisen noch nicht so genau)


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    Christian arbeitete unter Anderen in Harper's Ferry, war an der Entwicklung der 1803 Büchse

    beteiligt, änderte seinen Namen in "Hawken" und war Vater von Sam und Jake Hawken,

    deren Gewehre ebenfalls Legenden-Status haben.


    WH005.JPGDass somit die berühmten Hawken Rifles einerseits Schweizer Wurzeln haben,

    andererseits auch eine enge Verbindung zu den ersten Longrifles, wissen Gun.-Forum

    Leser, - ansonsten ist das hierzulande immer noch wenig bekannt.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Ja Greenhorn, das Wissen um die Amerikanische Vorderlader Geschichte verdanke ich dir und damit diesem Forum, da ich mich mehr für die Europäische Geschichte und damit auch für Europäische Vorderlader interessiere, trotzdem finde ich, vor allen Longrifles sehr schön und das von dir vorgebrachte Hintergrund Wissen gehört dann einfach dazu.

    Vielen Dank dafür.

  • Nichts zu danken, syola !

    Es macht einfach Spaß, die alten Kanonen von drüben zu zeigen.

    Und ihre Besonderheiten. Immerhin entbehrt die Art und Weise,, wie diese amerikanischen Longrifles europäischen Gewehren überlegen waren, nicht einer gewissen Ironie. Denn technisch betrachtet gab es keinerlei Unterschiede, die sogenannte "Überlegenheit" entstand ausschließlich aufgrund der in der Neuen Welt gegebenen Umstände, hierzulande wären die selben Gewehre weitgehend untauglich gewesen, schlicht weil die Anforderungen so unterschiedlich waren. Amerikanische Longrifles waren in Amerika überlegen, und nur dort. Und nicht in Bezug auf Schussleistung, sondern in Berzug auf das Handling unter den lokalen Gegebenheiten. Weshalb auch die in Europa gebauten Tradeguns für Nordamerika ab Werk "amerikanisiert", also an amerikanische Gegebenheiten angepasst wurden. Dass zusätzlich durch "Pionier-Romantik" Legenden entstanden die im "zivilisiert-langweiligen" (und in Wahrheit eigentlich überhaupt nicht langweiligen) so nicht entstehen konnten, liegt mehr an der Art und Weise, wie Menschen gerne unterhalten werden wollen, und hat kaum sachliche Gründe.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Man man man Werner!
    Du gräbst Dinger aus - my dear Mr. Singing Club!

    Die Eingangs gezeigte Smooth Rifle mit rundem Lauf - das triffts doch!
    Das ist EXAKT das Ding für meinen Vater seinen Sohn, ums mal so zu sagen - Danke dafür!!

    ---------------
    Ike Godsey


    --- Just a grumpy old man with a gun ---

  • Und ihre Besonderheiten. Immerhin entbehrt die Art und Weise,, wie diese amerikanischen Longrifles europäischen Gewehren überlegen waren, nicht einer gewissen Ironie. Denn technisch betrachtet gab es keinerlei Unterschiede, die sogenannte "Überlegenheit" entstand ausschließlich aufgrund der in der Neuen Welt gegebenen Umstände, hierzulande wären die selben Gewehre weitgehend untauglich gewesen, schlicht weil die Anforderungen so unterschiedlich waren. Amerikanische Longrifles waren in Amerika überlegen, und nur dort. Und nicht in Bezug auf Schussleistung, sondern in Berzug auf das Handling unter den lokalen Gegebenheiten.

    Ein wichtiger Aspekt der leider sehr oft ausser Acht gelassen wird bei Diskussionen. Damit wird es schnell zu Einseitig bei solchen Geschichten. Gerade wenn aus rein "Deutscher Sicht" dagegen argumentiert wird. Von daher finde ich es schon mal interessant das es angesprochen wird. Gerade und damit möchte ich bestimmt nicht "schmeicheln" von jemandem der Ahnung hat. Ich fühle mich da oft nicht verstanden wenn ich solche Sichtweisen ins Spiel bringe. Das mag aber daran liegen das ich zu oft mein erarbeitetes "Wissen" über das der anderen stelle. Ohne die nötigen Erklärungen ausführlicher zu besprechen. Was in Deutschen Foren ja auch nicht immer allumfassend möglich ist. Da wird eher mal nach Fehlern gesucht in der Darstellung der eigenen Meinung.


    Ein Beispiel.

    Ich bin seit über 40 Jahren Sammler Artilleristischer Monatsbücher. Der "Kenner" weiß was das ist. Für den "Nichtkenner!" ! Es sind ( zur damaligen Zeit ) "geheime" Nachschlagewerke gewesen in denen jedwede Art damals neuer Erfindungen von "Schußgeräten" sprich von der Konstruktion von Geschützen ( Artillerie, Marine etc. ) gezeigt und besprochen wurden. "Small Arms" inclusive. Und genau da ist man bei den jeweiligen "Anforderungen" gewesen. Die Konstruktion von einem Französischen Feldgeschütz unterlag z.B bei Schneider einem ganz anderen Vorgabenkatalog als ein Geschütz von Krupp. Da spielten sowohl strategische Anforderungen ( der Pfälzer Wald sind nicht die Ardennen ) als auch Überlegungen der allgemeinen Verwendbarkeit eine wichtige Rolle. Dabei wird aus "Deutscher Sicht" gerne ein Aspekt bei den LW eines unterschlagen. Auch bei den Jagd und bei den Sportwaffen. Sie alle hatten einmal ihren Ursprung in der militärischen Verwendung.


    Einem Deutschen Jäger den kleinen Unterschied zwischen 8x57, 308 und 30-06 zu vermitteln dürfte daher etwas schwierig sein. Dazu müsste er Militärische Ballistische, Konstruktions Kenntnisse besitzen. Da alle 3 Kaliber nie von der Jagd kamen und auch nie dazu konstruiert wurden. Sie wurden vom Vorteil des 308 "Boattail" Hecks ( Strömungsgünstig, Ovigal Geschoß ) einmal abgesehen für rein Militärische zwecke konstruiert. Und für die Scheibe bzw. die Jagd optimiert. Die 223 eingeschlossen. Rückwärtsgewandt diverse VL Kaliber eingeschlossen. Ein "Minenfeld" auf das ich mich bei Forumsdiskussionen nicht gerne traue. Ich habe selten einen Artikel gelesen in dem diskutiert wurde warum man von Kal. 72 zurück bis zum Kal. 451 bei Erweiterung der Distanz gegangen ist.


    Ich betrachte solche wie die gezeigten Gewehre gerne. Das erste dürfte ohne Backe eine Anlehnung mit militärischem Charakter haben wenn man sich den Kolben betrachtet. Ohne den geschwungenen Exerzier Abzugsbügel. Der kommt aber bei einigen Modellen wieder zum Vorschein. Interessant sind für mich die "Abriebstellen" an den Schäften. Backe. Kolbenhals usw. Damit lässt sich schon mal die angedachte Gewehrhaltung beim schießen sehen. Und je länger der Lauf mit Vollschäftung um so "steiler" der Kolbenhals. Wer einmal alte Bilder gesehen hat wie man früher Waffen in den Anschlag gebracht hat der sieht den Unterschied. Ein Revolver z.B wurde nicht am ausgestreckten Arm wie heute über Kimme ( falls überhaupt angedeutet ) sondern mit dem Ellbogen an der Seitlichen Rippe anliegend abgefeuert. Bei den Lehrübungen zum Umgang mit einer Waffe zumindest.


    Ich sammle seit Jahren original "Devotionalien" aus der US-Zeit der Gesetzeshüter. Dazu zählen Sheriff/Marsall Sterne und Holster. Was man aus Westernfilmen so kennt zeigt weniger was wirklich getragen wurde. Getragen hat der Rechtshänder eher z.B ein Holster mit kurzer Gürtelschlaufe links von der Gürtelschlaufe zum "Quickdraw" d.H den Griff Richtung rechte Hand. Und das schräg angeordnet. Das ist eigentlich auch Logisch. Wer weiß z.B woher diese "schönen" grauen "fast Anzüge" mit Länsstreifen der Sheriffs stammen. Diese welche in Westernfilmen schon zu anmutigen dunklen Maßanzügen mutieren. Ich sage es mal so. Hätte es in den 1920 ger Jahren keinen Lieferstop für "Braune" Hemden gegeben die für andere Bestellungen gedacht waren, dann würden wir heute nicht über "Braunhemden" oder "Braune" Gruppierungen sondern vielleicht über Dunkelgrüne sprechen. Hier war es ähnlich. Das bekannte und spärlich einheitliche Outfit zum Alleinstellungsmerkmal einiger Sheriffs hat seinen Ursprung in Schweden. Diese Klamotten wurden Zweckentfremdet und entstammen Schwedischer Lieferungen in das alte Amerika. Als was. Als Sträflingskleidung ! Dort kamen sie aus Rohstoffmangel nie an. Also in den Gefängnissen. Sondern gleich requiriert wo anders. Vielmehr wurden die Behörden damit eingekleidet. Ich habe einige hier. Und wie ihr euch vorstellen könnt hat die Weste natürlich keine Eisenbahner Taschenuhr Einlage mit Seidenfutteral. Das gibt es nur bei 12 Uhr Mittags. Das aber einstmals bei mir als Inspiration gedient hat. Schön ist der Film ja.


    Danke an Greenhorn für`s zeigen der Gewehre. Macht schon Spaß hier. Und immer daran denken. Ich besitze natürlich keine Deutungshoheit. Nur eigene Eindrücke und eigene Erfahrungen bei denen ich mich gerne berichtigen lasse. Man kann etwas lernen dabei.


    Michl

  • Danke, Papa Aldo !


    Die Schwierigkeit bei dem Thema ist, dass der Vergleich zwischen Longrifle und Deutscher Jägerbüchse gerne als eine Art Prestige-Streit betrachtet wird. Genau das ist es eben nicht. Da spielen ganz andere Faktoren eine Rolle, und - nur zum Teil technischer Natur, einiges war auch damals schon emotional begründet.


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    Ein wesentlicher Faktor ist, dass die Jägerbüchse zur Jagd in einem zivilisierten Land gebaut war, die Longrifle dem Überleben in der Wildnis diente. Ein anderer Faktor ist, dass Nordamerika über mehr als 100 Jahre (ca. 1495 bis 1610) Spielwiese des Militärs europäischer Staaten war, die Einheimischen also nur militärische Gewehre sahen, und diese Musketen eben lang waren. Reine Psychologie: Gewehre die sie für sich kaufen wollten durften nicht kürzer sein als jene des "feindlichen" Militärs. Noch ein Faktor: Das zu der Zeit durchstreifte Nordamerika war finster. Dichter Wald. Ein langer Lauf eignete sich besser zum Zielen, wenn das Visier aufgrund der Lichtverhältnisse nicht erkennbar war. Last not least: Die Kunden - also Indianer - forderten dokumentiert seit den 1620ern kleinere Kaliber, da man für diese mit der selben Bleimenge mehr Kugeln erhielt, und man diese ja auch tragen musste. Einkaufsmöglichkeiten gab es nur an sehr wenigen, weit voneinander entfernten Orten.


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    Diese Faktoren spielten schon eine Rolle lange bevor sich deutsche Büchsenmacher in der neuen Welt ansiedelten. Als diese schließlich kamen, waren lange Gewehre mit kleinem Kaliber quasi "eingebürgert", selbst die Waldläufer waren auf die eigentlich für Einheimische gebaute Tradeguns umgestiegen, weil sie sich besser bewährten. Nicht beim einzelnen Schuss, sondern wenn man ein Jahr ohne Versorgung unterwegs sein musste.


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    Kurze - und großkalibrige - Gewehre wurden (von Zivilisten) schlicht und einfach nicht gekauft. Folglich stellten sich die ausgewanderten deutschen Büchsenmacher um. Sie brauchten ja nichts Neues zu entwickeln, sie brauchten nur längere, kleinkalibrigere Läufe. Passendes Schaftholz war im Überfluss vorhanden.


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    Der Handwerker der überleben will verkauft, was sich besser verkaufen lässt. Hätten die Amerikaner lieber Semmeln gekauft, die Europäer lieber Brot, bedeutet das nicht, dass amerikanische Bäcker die "besseren" gewesen wären und Semmeln besser sind als Brot, sondern lediglich, dass amerikanische Bäcker auch überleben wollten und sich daher an die Kundenwünsche anpassten. Ob die Gründe dafür nun sachlich/technisch waren oder rein emotional/gewohnte Tradition, war (und musste) dem Handwerker/Verkäufer gleichgültig sein.


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    Ob der erzeugte und gehandelte Artikel nun Gebäck war, oder eine benötigte Schusswaffe, spielt keine Rolle.

    Wichtig war - und ist - lediglich, den Lebensunterhalt für seine Familie und sich selbst zu verdienen. Dem Büchsenmacher

    war auch völlig gleichgültig, ob sein Produkt im Vergleich zu dem Produkt des anderen Kontinents "besser" oder "schlechter"

    war. Ihn interessierte ob es sich so wie er es herstellte auch verkaufen ließ.


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    Womit das ach so großartige Geheimnis der Longrifle im Vergleich zur Jägerbüchse weitgehend

    geklärt sein sollte.

    Die gezeigte Büchse ist übrigens ein ebenfalls von Wolfgang Hachen etwa 1795 gebautes Gewehr, zu dem

    Zeitpunkt war er bereits über 70 Jahre alt.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Greenhorn


    Meine Empfehlung kann nur sein mehr solches Hintergrundwissen ausführlicher falls möglich in die verschiedenen"Vorstellungen" mit einfließen zu lassen. Es ist das bekannte "Salz in der Suppe". Nicht viele können sich beim betrachten solch schöner Bilder vorstellen um was es eigentlich im "Sinne des Erfinders" ging. Konstruktionsbedingt wurde ja von den schönen Verzierungen einmal abgesehen der Ballistik und den vorherrschenden Anforderungen Rechnung getragen. Bei einem einzigen Schuß sich in der Wildnis die ja zu der Zeit noch eine ganz andere war ( am Grand Canyon war ja vorläufig erst mal Schluß ) einem Bären zu nähern auf 50 oder 100 Meter erforderte nicht nur Entschlusskraft, Kälte, Hunger und Mut, sondern auch Gottvertrauen in das Werkzeug. Deshalb betrachte ich einige Schaftverschneidungen und Motive nicht unbedingt als Luxuriöses Gehabe. Auch wenn es sich heute so darstellen mag. Dahinter verbarg sich mit Sicherheit eine Lebenseinstellung. Von Ausnahmen abgesehen. Fellverkäufer haben schon angespart für das bessere Werkzeug vermute ich mal. Nicht umsonst erhielt der Sheriff eine Zulage zu seinem selbst erworbenen Revolver. Leben musste er wahrscheinlich dann aber vom "Kopfgeld". Funktioniert ja bis heute. Die des führenden Schützen und Jägers der auf sich alleine gestellt war. Waren es doch Europäer die in den Weiten der "Neuen Welt" ihr Glück suchen mussten. Menschen denen vom Standesdünkel her vorher die Jagd in Europa eigentlich untersagt war. Nun steht der Elch auf 200 Meter. Mein Lauf wäre bei dem imposanten Tier 2 Meter lang gewesen. Immer die Familie und das Abendessen im Kopf. Ich sehe halt immer die Hintergründe einiger Konstruktionen dahinter. Ob sie stimmen. Wer weiß. Habe damals leider nicht gelebt. Zumindest weiß ich das ich solche Geschichten wie hier gerne sehe da sie mich zu eigenen Überlegungen anregen. Aber keinen Anspruch auf Wahrheit erheben. Ein Gewehr wie in Bild 3 hat man nicht einfach so aus Langeweile gebaut. Die Führung vom Kolbenhals ! Man müsste so eine Flinte mal schießen können. Die wird der Vollschäftung wegen sehr Vorderlastig sein. Schon fast eine Wallbüchse. Kommt da der Kolbenhals dem Schützen entgegen ? Hat für mich den Anschein. Nee zum Hals raushängen bestimmt nicht. Keine Bange. Kann mir nicht helfen. Das letzte das du gezeigt hast inspiriert mich irgendwie. Ich wollte nie in meinem Leben ein 1777 wegen seiner Schaftform. Bis zu dem Tag als ich eines an der "Backe" hatte.


    Gruß

    Michl

  • Es sind einige Punkte dabei die ich noch gerne heute Nachmittag mit etwas mehr Zeit abfragen möchte.


    Zitat:

    "Ein wesentlicher Faktor ist, dass die Jägerbüchse zur Jagd in einem zivilisierten Land gebaut war, die Longrifle dem Überleben in der Wildnis diente. Ein anderer Faktor ist, dass Nordamerika über mehr als 100 Jahre (ca. 1495 bis 1610) Spielwiese des Militärs europäischer Staaten war, die Einheimischen also nur militärische Gewehre sahen, und diese Musketen eben lang waren. Reine Psychologie: Gewehre die sie für sich kaufen wollten durften nicht kürzer sein als jene des "feindlichen" Militärs. Noch ein Faktor: Das zu der Zeit durchstreifte Nordamerika war finster. Dichter Wald. Ein langer Lauf eignete sich besser zum Zielen, wenn das Visier aufgrund der Lichtverhältnisse nicht erkennbar war. Last not least: Die Kunden - also Indianer - forderten dokumentiert seit den 1620ern kleinere Kaliber, da man für diese mit der selben Bleimenge mehr Kugeln erhielt, und man diese ja auch tragen musste. Einkaufsmöglichkeiten gab es nur an sehr wenigen, weit voneinander entfernten Orten."


    Die Jagd zu der Zeit und die Gewehre dazu auf dem Amerikanischen Kontinent lagen eigentlich noch nicht im Fokus bei mir. Leisten werde ich mir das eh nicht können. Nicht als Original jedenfalls. Für mich hat sich das Thema ausserhalb einer kleinen Sammlertätigkeit nur auf die Gesetzeshüter und deren Vita der damaligen Zeit erstreckt. ( Original Revolver ist gerade noch drin. Drei auch mit der Zeit ) Und die Historie dazu. Wie viele ehemalige Verbrecher später Gesetzeshüter waren wirst du selbst wissen. Heute ist es ja umgekehrt stellenweise. Finster. Ja Civil War. ( Zeiträume betrachten. Und immer dran denken was bei uns innerhalb von 200 Jahren gelaufen ist. ) Selbst dort konnte man sich noch einer Stadt bis auf 500 Meter unerkannt mit einer Armee nähern. Und ist noch nicht mal so lange her in der Zeitgeschichte. 1620 dürfte Blei schon ein Thema gewesen sein. Rohstoff. Ich habe mich im Zuge meiner Recherchen zu Waffen insbesondere zu den verschiedenen Waffen die im Civil War eingesetzt wurden und aus Europäischen Lieferungen stammen auch mit der Munitionsfrage und deren Beschaffung befasst. Es wurde ja so ziemlich alles eingeschmolzen was auffindbar war. Interessant vor dem Hintergrund das Blinden und Behinderteneinrichtungen die es damals in Amerika auch schon gab diese Dienste übernommen haben. Gegen Endgeld um den Betreib aufrecht zu erhalten. Bei der Frage zu den kleineren Kalibern für Indianer wäre einmal zu fragen ob das nicht auch so gewollt war. Ich kenne so was von den Indianern aus Südamerika. Geeignet zur Jagd im Urwald: Ja. Zum "Aufstand" gegen die "Weissen" in befestigten Stellungen: Nein. Daher ein kleineres Kaliber. Sind aber nur Spekulationen. Ich konnte mich halt nie mit dem Indianer auf dem Pferd das ja der Europäer erst nach Amerika gebracht hatte und der Winchester im Anschlag wie in Filmen abfinden. 1620 dürften die meisten Indianer noch zu Fuß ihr dasein gefristet haben. Denke ich mal. Als die wirklich richtig allumfassend beritten waren da waren wir schon beim ersten Automobil.


    Spannendes Thema. Gerade die Büchsen.


    Michl

    Ps: Zitat: "Womit das ach so großartige Geheimnis der Longrifle im Vergleich zur Jägerbüchse weitgehend geklärt sein sollte." Womit geklärt wäre das alles was sich schießen lässt für mich immer eine "Jägerbüchse" gewesen wäre damals. Egal woher.

  • Nun, Papa Aldo , den Beginn der Geschichte könnte man zwar nicht unbedingt auf Columbus selbst, aber vielleicht doch noch ins ausgehende 15. Jahrhundert legen. Bereits da wurden Seefahrer, deren Aufgabe es war militärische Stützpunkte zu etablieren, von Einheimischen gebeten, ihnen im Kampf gegen verfeidete Nachbarstämme beizustehen, oder ihnen wenigstens Gewehre zur Verfügung zu stellen.


    Ein weiterer Eckpunkt zum Verständnis ist die Tatsache, dass die ersten echten Siedler praktisch ausnahmslos verhungert sind. Weil sie - wir sprechen von der Zeit um 1610 ÜBERZIVILISIERT waren. Obwohl man die europäische Gesellschaft mit Ausnahme der damaligen gebildeten Kreise verbreitet noch als "mittelalterlich" sieht.


    Aber in Europa fand man damals schon quasi in jedem Nest einen Schneider, einen Bäcker, einen Schuster, einen Tischler, einen Hufschmied, ein Wirtshaus, ... . Drüben hatte man garnichts. Man hatte plötzlich alles selbst zu machen, daher auch selbst zu können. Und dazu erst einmal den Wald zu roden, anbautaugliche Flächen zu schaffen, etc. etc. etc. . Dieses quasi "vor dem Nichts stehen" wird heute stark unterschätzt.


    Nächster Punkt - klingt weit hergeholt, ist es aber eben nicht: In Europa war der Biber praktisch ausgestorben, aber praktisch jeder Hut - zivil wie militärisch - war aus Biberfell. Drüben gab es Biber in Massen, und die Einheimischen wurden zur Biberjagd animiert. Und zum Handel mit Biberfellen gegen europäische Waren . JEDER Krieg auf amerikanischen Boden zwischen europäischen Kolonialmächten bis zum Revolutionskrieg Mitte der 1770er ging um die Vorherrschaft im Fellhandel. Das gegerbte Biberfell (MeB - Made Beaver) war ein autorisiertes Zahlungsmittel, das auf Preislisten als Zahlungsmittel angegeben war. Schon vor 1670. In den östlichsten Gebieten Nordamerikas war der Biber bereits um 1630 ausgerottet. Europäische Handelsware war Kleidung, Werkzeuge, Schmuck, und eben Waffen. Obwohl den Einheimischen ursprünglich nur ausgediente Musketen überlassen wurden, die für den Schützen gefährlicher waren als für das Ziel, beschwerten sich Siedler bereits in Schreiben an die Kolonial-Vertretungen, dass die "Einheimischen ausgezeichnet ausgestattet sind mit Gewehren und Munition". Hauptakteure waren Frankreich und England, wobei sich Frankreich auf geographische Forschung und Handelsniederlassungen beschränkte, England die Gebiete auch besiedelte. Ab 1660 wurden in Frankreich eigens Gewehre für den Fellhandel gefertigt, ab 1670 folgte die britische Hudson's Bay Company diesem Beispiel. Es wurden eigens Gewehre für den Fellhandel konstruiert. Allesamt Glattläufer, was seinen Ursprung wiederum darin hat, dass nach der Erfindung des (anerkannten) Steinschlosses 1614 in Frankreich in ganz Westeuropa unter den Adeligen die Vogeljagd modern wurde, daher Flinten gefragt waren. Nur in Mitteleuropa konzentrierte man sich auf Hirsch, Reh, ..., - daher dort die Büchse.

    Deutschland spielte in dieser Kolonialisierungsphase bis rund 1730 keinerlei relevante Rolle, weshalb es in Nordamerika auch nur glattläufige Gewehre gab. Und ja, wesentlichstes Transportmittel war das Kanu, ansonsten ging man zu Fuß, Pferde gab es so gut wie garnicht. Was wir heute als "Wilden Westen" und "Western Romantik" mit Colt und Winchester kennen, spielte sich mindestens 50, allemal aber 100 Jahre nach dem aufkommenden Ruhm der Longrifle ab. Die Führung der amerikanischen REvolutionäre ließ 1775 in britischen Zeitungen inserieren, dass Offiziere die nach Amerika befohlen waren zuvor ihre Familienangelegenheiten regeln sollten, da die amerikanischen Riflemen sie gnadenlos aus den Truppen herausschießen würden, um deren Führung zu beseitigen. Die Wirkung dieser Propaganda war beachtlich, was drüben wiederum zur patriotischen Einschätzung der Longrifle beitrug. Diese Longrifles wurden überwiegend von deuschen/deutschstämmigen/mitteleuropäischen Büchsenmachern gefertigt, Andreas Albrecht, Christian Oerter, Johannes Moll, Jacob Dickert, Johannes Schreit, Jacob Kuntz, Wolfgang Hachen, ..., ich könnte ein paar hundert aufzählen...! Western-Romantik gab es zu dieser Zeit keine, Kolonial- und Pionier-Romantik um Personen wie Daniel Boone, Simon Kenton etc. sehr wohl.


    Soweit ein wild zusammengewürfelter Überblick zu der angesprochenen Zeit drüben.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



    Einmal editiert, zuletzt von Greenhorn ()

  • Stark vereinfacht, aber vielleicht gut für ein verständlicheres Bild: Deutsche Büchsenmacher brachten nach Amerika:

    Den gezogenen Lauf, das vollständige Visier aus Kimme und Korn, den Stecher, die Backe, den Abzugsrahmen mit Fingerstütze,

    die Patchbox. Alles Elemente die es auf Jägerbüchsen bereits gab. Aufgrund der Nachfrage der Käufer verkleinerten sie das Kaliber,

    und verlängerten sie den Lauf. Völlig unabhängig von den sogenannten Longrifle Schulen. Letztere beschreiben lediglich "modische

    Details" wie die Form von Verzierungen, die Schaftform, etc., auf die Funktionalität des Gewehrs haben sie keinen relevanten

    Einfluss.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • .... Deutschland spielte in dieser Kolonialisierungsphase bis rund 1730 keinerlei relevante Rolle, weshalb es in Nordamerika auch nur glattläufige Gewehre gab....

    DAs stimmt so nicht. Die erste Auswanderungswelle aus Deutschland waren die Pfälzer, die nach 1708 in hellen Scharen nach Amerika auswanderten und sich hauptsächlich in Pennsylvania niederließen. Gezogene Büchsen waren aber auch vor 1730 in den USA bekannt. Zwischen 1730 und 1738 wurden z.B. von Caspar Wistar Büchsen, aber auch Läufe und Schlösser aus Deutschland nach Amerika importiert und an die Büchsenmacher verkauft.

    In einem Brief vom 1. Oktober 1737 schrieb Caspar Wistar, das die Läufe der bestellten Büchsen länger sein müssten als gewöhnlich, denn in Amerika würden Büchsen bevorzugt, deren Läufe zwischen drei Fuß (91cm) und 3 Fuß 4 Zoll (1,02m) lang wären. Kurze Büchsen ließen sich nicht verkaufen. Außerdem sollten die Stecher so sein, dass man die Büchsen auch schießen könnte, ohne vorher einzustechen. Gewünscht waren zudem robust gestaltete Abzüge und keine empfindlichen Nadelstecher.


    Der Briefinhalt spricht dafür, dass die Vorliebe für die längeren Läufe schon längere Zeit bestand und nicht erst nach 1730 aufkam.

  • Diese Darstellung kenne ich zwar, halte sie aber für überzogen patriotisch. Weshalb ich oben ganz bewusst "keine RELEVANTE Rolle" geschrieben habe.

    Die größte Bevölkerungsgruppe zur genannten Zeit waren Briten, die zweitgrößte - schon damals - deren afrikanische Sklaven. Es folgten Franzosen, Holländer. Deutsche und Schweden könnten sich die Waage halten, obwohl die Schweden zuvor eine, wenn auch kleine, Kolonialmacht waren.

    "Relevant" sieht für mich anders aus. Gezogene Waffen brachten deutsche Siedler von beginn an mit, und 1718 versuchten Deutsche, Sägewerke und selbst Laufmühlen zu bauen. Aber noch war der Erfolg bescheiden, auch wenn die Bemühungen vorhanden waren. In der Masse der Siedler spielten die Deutschen drüben zu der Zeit eine unerhebliche Rolle, zumal nie eine Kolonie von Deutschland aus gelenkt wurde, von Briten, Franzosen, Holländern, Schweden sehr wohl. Das verstehe ich unter "keine relevante Rolle".

    Ja, gezogene Büchsen waren drüben schon vor 1750 bekannt, steckten aber noch in den Kinderschuhen. Man hatte eben erst ausgearbeitet, worauf es ankommen musste. Bis das nicht nur umgesetzt war, sondern sich auch so sehr in der Praxis bewährt hatte das Kunden solche Waffen verlangten war eben noch ein Weg zu gehen. Fernseh-Werbung gab's damals noch nicht.


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Diese Darstellung kenne ich zwar, halte sie aber für überzogen patriotisch.

    Patriotisch von wem aus? Auch wenn ich von Wikipedia eher wenig halte, hier trotzdem der Wiki-Artikel zum Thema: Massenauswanderung der Pfälzer (1709) – Wikipedia

    Auch der regionalgeschichtliche Artikel dazu ist lesenswert: Die Auswanderung ins koloniale Nordamerika - regionalgeschichte.net (auswanderung-rlp.de)

    Und zum Thema "Caspar Wistar": Caspar Wistar | Immigrant Entreprenuership (immigrantentrepreneurship.org)

    Ansonsten steht zum Herrn Wistar auch etwas in "Moravian Gunmaking", 2. Band "Bethlehem to Christian´s Spring"

    Einmal editiert, zuletzt von sammler ()

  • Patriotisch aus deutscher Sicht, sammler , zu beachten auch, dass diese Artikel auch deutsch geschrieben sind.

    11.000 Menschen mag für Deutschland eine "Massenauswanderung" gewesen sein, für die Kolonien bedeutete es

    einen Bevölkerungsanteil von grob 1%.

    Dass "verelendete Zuwanderer" auch in relativ geringer Anzahl Regierende vor Probleme stellen kennen wir aus

    der jüngeren Vergangenheit. Dies als "Leistung" der Zuwanderer darzustellen halte ich aber für gewagt.

    Christian's Spring und Bethlehem wurden nach 1750 relevant, und die dort gebauten Gewehre gelten trotz des von Dir

    erwähnten Caspar Wistar Briefs von 1737 als "transitional Rifles" - als Übergang von der Jägerbüchse zur Longrifle.


    Das bedeutet ja nicht, dass Deine Darstellung unberechtigt ist, sie ist nur etwas "optimistisch" in Bezug auf die Bedeutung

    deuscher Aktivitäten vor 1730. Bedeutende deutschstämmige Büchsenmacher sind überhaupt erst um 1750 nach Amerika

    ausgewandert. Die Betonung liegt dabei auf "bedeutend", mag der Eine oder Andere bereits in den 1690ern ausgewandert

    sein. Nur - zu der Zeit sind selbst Flinten noch zu 99% importiert worden, und die in Amerika gefertigten Gewehre bestanden

    aus importierten Komponenten kombiniert mit verwendbaren Teilen aus zerstörten Waffen. Amerikanische Rohstoffe wurden

    überhaupt erst in den frühen 1800ern verwendet, wenigstens 30 Jahre nach Entstehung der Longrifle. Nicht umsonst findet

    man auf unzähligen erhaltenen Longrifles am Schloss Stempelungen wie "London Warranted", man war auf importierte Teile

    angewiesen, nur die Creme de la Creme der Büchsenmacher schmiedete oder goss selbst - aus importierten Metall-Barren.


    Der Inhalt der von Dir zitierten Quellen ist IMHO korrekt, allerdings schätze ich die historische Bedeutung etwas anders ein

    als Du. In die Richtung "Ja, das hat es so gegeben! Nur - eine bedeutende Rolle gespielt hat das nicht! So bemerkenswert es

    auch gewesen sein mag!"


    besten Gruß

    Werner

    Wären Feuerwaffen Schuld an Gewalt und Leid, hätten die Menschen vor dem 13. Jahrhundert friedlich und glücklich gelebt.

    Das alte Testament als vielleicht bedeutendstes religiöses Werk der Geschichte erzählt schon auf der zweiten von rund eintausend Seiten die Legende vom ersten Mord der Menschheit. Keine Tat mit einer Schusswaffe, sondern verursacht durch den menschlichen Charakter. Frieden braucht keine Waffenverbote, Frieden benötigt die Beherrschung des - jeweils eigenen - Charakters.



  • Meine Frage ?


    Wieso Longrifle und nicht Vollschaft Stutzen ? Weiß man das genauer. Gibt es dazu vielleicht sogar schriftl. Abhandlungen. Im "damaligen" Wald der sehr wahrscheinlich noch mehr einem Urwald glich wäre doch wahrscheinlich etwas "Kompakteres" ( Stutzen ) die bessere Wahl gewesen. Ich weiß das solche Gewehre die hier gezeigt werden nicht unter dem Aspekt eines Jägers ( finde ich Schade. Wo bleibt der Brauchtum liebe Jagd Kollegen ) sondern eher unter dem Augenmerk des Sammlers ( so sei es auch ) oder dem Sportschützen bewertet werden. Ich sehe da folgendes. Die Jagd war ja von seither fester Bestandteil in Europa mit all seinen Entwicklungen. Für die Fürsten usw. Die Geographische Lage in Europa und da nehme ich jetzt mal Deutschland ( zur damaligen Zeit die einzelnen Bundes/staaten/länder oder eher Fürstentümer ) explizit aber noch eher England, Frankreich und Italien. Alles andere denke ich kann man mal bei Seite lassen. Englische und Französische Schäftungen waren doch eher "Konservativ" auf Militär Schäfte ausgelegt. Oder bin ich mit meiner Betrachtung schon 100 Jahre zu weit und zu Steinschloss/Perkussion orientiert. Ausschlaggebend war neulich eine Kulturhistorische Bewertung eines Radschlossgewehres. Da wurde die Ausführung des eckigen Kolben besprochen. Dabei wurde erwähnt das dieser nicht zum Anschlag in der Schulter gedacht war. Sondern zum Freihändigen "Deutschuß" einer Pistole ähnlich. Daher kürzer aber trotzdem schwerer. Sehe ich die Bilder hier, dann sehe ich für meine Belange einen Mix zwischen Militärisch ( Exerzier Abzugsbügel ) persönliche Gravuren, Schaftverschneidungen, Einlegearbeiten und extravagante Schäfte. Ich möchte jetzt nicht ausschließen was sehr sperrig aussieht sich wahrscheinlich ausgezeichnet halten und schießen lässt. Konnte es leider nie probieren. War aber relativ Überrascht beim VL Einstiegt wie Elegant und schlank diese Gewehre sind. Nur mal halten würde mir schon genügen. In Englischen Museen soll das ja für einen begrenzten Teil möglich sein habe ich mir sagen lassen.


    Spielt bei der Longrifle die Prärie etwas mit im Hintergrund bei der Jagd. Wie sind die Maße solcher Gewehre und das Gewicht.


    Michl

  • Am besten ist, ich erzähle einfach mal einen Witz, der nichts mit Auswanderern, Büchsenmachern oder der Long Rifle zu tun hat:


    Es gab da in der DDR einen Witz, da fragte ein Arbeiter seinen Parteisekretär: "Was ist eigentlich Dialektik?"

    Als Antwort kam, der Arbeiter möge sich zwei Arbeiter vorstellen, erstens einen fleißigen, pünktlichen, aber etwas langsamen Arbeiter und zweitens einen, der faul und unpünktlich war, aber wenn er denn mal arbeitete, schaffte er viel. Jetzt fragt der Parteisekretär den Arbeiter: Welcher von beiden hat am Schichtende mehr geschafft?
    Antwort: Der Erste.
    Falsch, kam es zurück, der zweite hat zum Schichtende nicht nur alles aufgeholt, sondern sogar mehr geschafft als sein Kollege. Weisst Du nun, was Dialektik ist?
    Nein.
    Also stellte der Parteisekretär die gleiche Frage nochmal. Als Antwort kam jetzt: Der zweite hast Du doch eben selbst gesagt. Nun, sagte der Parteisekretär, wenn man ganz genau hinsieht, hatte der fleißige doch mehr geschafft, der andere hatte viel Pfusch dabei. Hast Du jetzt verstanden, was Dialektik ist?
    Nein also die gleiche Frage nochmal: Der Arbeiter antwortet: Wie Du ja eben gesagt hast, also doch der Erste.

    Falsch, kam es vom Parteisekretär, es war der Zweite, denn trotz seines vielen Pfuschs hat er doch mehr geschafft. Weisst Du jetzt, was Dialektik ist?

    Nein, kam es zurück, das einzige was ich weiss, ist, dass Du die Geschichte immer so erzählst, wie sie Dir am besten passt. Na siehst Du, sagte der Parteisekretär. Jetzt hast Du begriffen, was Dialektik ist.

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