Ein Einzelstück Massenware

  • Normalerweise muss man froh sein, wenn man eine Tradegun findet die noch

    in einem Stück existiert, und bei der auch noch alle Komponenten vorhanden sind.

    Die Exemplare auf die das zutrifft könnte jedes Kind im Kindergarten abzählen, ohne

    großartig gefordert zu sein.


    Um so überraschender, wenn plötzlich so etwas auftaucht.

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    Nö, keine Verar&chung! Das ist eine originale antike Tradegun, wie sie ab 1670 über bald 250 Jahre hinweg

    ohne großartige Veränderungen an die Natives in der Neuen Welt gegen Biberfelle getauscht wurde.

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    Sogar ein Exemplar der Hudson's Bay Company, also jener Firma welche den organisierten

    Fellhandel 1670 begonnen hatte, und als erste Tradeguns produzieren ließ. Keine ausgemusterten

    Musketen sondern eigens für den Fellhandel konzipierte und gefertigte Gewehre. Die Firma wurde

    mit den Privileg des englischen, schottischen und irischen Königs gegründet und sollte den Fellhandel

    für Großbritannien sichern. Durchaus erfolgreich, denn die Hudson's Bay Company existiert heute

    noch, also bereits mehr als 350 Jahre, heute mit Sitz in Kanada. Man lieferte den Natives alles was sie

    bereit waren gegen Biberfelle zu tauschen, Kleidung, Geschirr, Schmuck, Waffen und Alkohol. Heute

    gilt der Fellhandel als der entscheidende Faktor zur weitgehenden Vernichtung der indianischen Kultur.


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    Dieses Exemplar ist eines der letzten, dasvon der Firma Parker, Field & Co. an die Hudson's Bay Company geliefert wurde.

    Parker, Field & Co belieferte die Hudson's Bay Company zwischen 1841 und 1875, der gute Zustand des Gewehrs hat seine

    Ursache vermutlich darin, dass es nie ausgeliefert wurde. Das Gewehr zeigt einige Merkmale, die Zum Zeitpunkt seiner

    Entstehung schon rund 200 Jahre charakteristisch für die Ware der Hudson's Bay Company waren, und von den Natives

    als Qualitätsmerkmal geschätzt wurden. Beispielsweise Stempel mit dem sitzenden "Fuchs am Grabstein", der von den

    meisten Lieferanten der Hudson's Bay Company benutzt wurde,


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    Typisch auch der übergroße Abzugsrahmen mit den langen Abzugsbügel, eine der ersten Forderungen der Natives, Man

    wollte mit 2 Fingern abziehen und dafür einen schwergängigen Abzug haben, da man auch im Winter - oft bei -40!C jagte.

    Die Seeschlange als Schlossgegenplatte etablierte sich spätestens ab 1715 als eigener Gußteil, schon davor verwendete

    man sie als aus Messingblech geschnittenen und gravierten Teil. Waffentechnisch irrelebant, aber wenn der Kunde

    deshalb kauft...!



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    Aus meiner Sicht durchaus interessant, dass die Natives sich zu der Zeit, als dieses Gewehr entstand, sich durchaus bereits mit Leman Vprderlader-Büchsen,

    Sharps Rifles und Winchesters ausstatteten, aber auch immer noch diese Steinschloss-Flinten forderten, die wurden letztendlich bis 1910 oder 1915 verkauft.


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    Im Prinzip wurde diese Muskete über 250 Jahre nach den selben Schablonen gefertigt. Es gibt keine relevanten Unterschiede.

    Einzelne für Häuptlinge reserbierte Exemplare erhielten eine Flinten-Schaftkappe, mitunter sogar vollständige noble, gravierte

    Flinten-Beschläge, - aber die Masse der Gewehre blieb unverändert, beziehungsweise die Änderungen minimal.


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    Um die Qualität sicherzustellen richtete man noch vor 1700 ein eigenes Beschussamt für Tradegun-Läufe ein, Die von den Natives geforderten

    Änderungen hatten aber keinen Einfluss auf die Architektur: Kleinere Kaliber, unterschiedliche Lauflängen, geringeres Gesamtgewicht, letztendlich

    all jene Änderungen, die deutsche Büchsenmacher dann auch bei den Longrifles umsetzten, da sie eben als Kundenwunsch erkannt worden waren.


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    Viele Firmen die sich im Fellhandel etablieren wollten - britische wie auch ab 1780 amerikanische . kopierten die Tradeguns der Hudson's Bay Company,

    an bekanntesten vermutlich die North West Company, Erst ab 1850 erschienen auch Trade Guns mit Perkussionszündung, deren Erfolg blieb aber

    eingeschränkt. Die Tradegun war für die Natives das Gewehr das auch funktionierte, wenn man von der Versorgung abegschnitten war. Feuersteine fand

    man jederzeit am Boden, Zündhütchen nicht. Die Perkussionstradeguns verschwanden gut 20 Jahre bevor die letzten Steinschloss Tradeguns ausgeliefert

    wurden.


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    Ein Blick auf die Schaftkappe vernuttelt etwas Gefühl dafür, wie wenig sich dieses Gewehr über die Jahrhunderte verändert hat, -Die Kappe selbst war noch die gleiche

    die man 1670 verwendet hatte, bloß wurde sie ab ca 1820 nicht mehr aufgenagelt, sondern verschraubt,


    Würde sich die Gelegenheit bieten, ich glaube, dieses Gewehr würde bei mir landen...!


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Manchmal taucht die Frage auf, warum denn gar so wenige Tradeguns überlebt haben.

    Unter "verbraucht" kann sich so mancher nichts vorstellen.


    Hier einer der Gründe für den Verschleiß:


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    Fragezeichen?


    Nu - ist recht einfach. Die derartiges Kurzen (20" bis 24" Lauf, oft nur abgesägte Exemplare die

    ihre besten Tage schon hinter sich hatten) nannte man Canoe-Gun.

    Heute würden Teenies sagen: "Paddel mit Wumms!"


    Was bei den oft wochenlangen Flussreisen durchaus an die Substanz ging.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Heuer scheint das Jahr der "Entdeckung" originaler Tradeguns zu sein. Vermutlich keine erfreulichen Anslässe,

    denn solche Stücke tauchen in der Regel im Rahmen von Erbschaften auf.


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    Ein Exemplar der Hudson's Bay Company. Was der Anbieter entweder nicht weiß, oder unwichtig findet.

    Egal, die Firma des Waffenschmieds Barnett arbeitete für die Hudson's Bay Company. Gemeinsam mit

    den Beschussmarken aus London, und dem "Sitting Fox" Stempel am Schloss ist die Sache eindeutig.


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    Genauer:

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    Abgesehen von der Kuriosität am Beginn des Threads die beste originale Tradegun die #

    ich bisher gesehen habe! Nicht taufrisch, was nicht verwundern darf. Aber für ein bald 200

    Jahre altes Exemplar seiner Gattung bemerkenswert gut erhalten.


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    Zudem eine Bestätigung, dass die diversen amerikanischen Bausätze solcher Gewehre doch sehr nahe am Original sind.


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    Alle bekannten Elemente sind vorhanden, vom schon erwähnten "Sitting Fox" Stempel

    über die gegossene Seeschlange als Schloss-Gegenplatte, die genagelte Schaftkappe,

    der von unten mit der Fahne der Schwanzschraube verschraubte Abzugsrahmen,

    alles wie bekannt. TG6006.jpg


    Somit ein großartiges Vorbild für alle, die 'mal Lust haben, eine

    originalgetreue Tradegun zu basteln.


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    Ansonsten gibt es nicht viel zu sagen, - die Tradegun Geschichte wurde schon oft

    behandelt. Keine wirklich erfreuliche Geschichte, andererseits aber: Wann ist

    menschliche Geschichte schon erfreulich. Dazu sind Menschen - mögen Ausnahmen

    die Regel bestätigen - zu selbstherrlich.


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    Das Gewehr ist dennoch beeindruckend. Könnte mein Beuteschema sein,

    allerdings gibt's da natürlich das übliche kleine Problemchen... :saint:


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    Ach ja, eine Kleinigkeit fällt noch auf: Offenbar wurden die Schaftkappen 1827 immer noch

    genagelt und nicht geschraubt. Also immer noch die seit 1670 eingeführte gängige Variante.

    die geschraubten dürften erst um 1840 aufgetaucht sein.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Ach ja, eine Kleinigkeit fällt noch auf: Offenbar wurden die Schaftkappen 1827 immer noch

    genagelt und nicht geschraubt. Also immer noch die seit 1670 eingeführte gängige Variante.

    die geschraubten dürften erst um 1840 aufgetaucht sein.

    ...und sitzt immer noch tadellos. Nach 200 Jahren keine Überstände oder Spalten - bemerkenswert!


    Lederstrumpf

  • ..und sitzt immer noch tadellos. Nach 200 Jahren keine Überstände oder Spalten - bemerkenswert!

    Die verwendeten damals handgeschlagene vierkantige Nägel. Bei meiner hatte ich damals die Schaftkappe schlecht montiert, weil dich die Unebenheiten am Schaft übersehen hatte, und wollte das Ding wieder 'runterkriegen. Kaum zu glauben, aber das war mehrere Tage Arbeit, nachdem ich den Schaft nicht beschädigen wollte, und das Ding hielt wie geschweisst...:shock:


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.