Und noch einmal Northampton/Lehigh County

  • Oh diese verflixten Schulen!

    Gerade das Thema der Schaftgestaltung birgt schon so viel anscheinend geheimnisvolles. Allein der Übergang von Old - auf New - Pattern hat den Raum für die Gestaltung und der Individualität des Schäfters viel Raum für Kreativität gelassen. Im Grunde war "Schule" nur der regionale Modetrend, dazu das bestreben der einzelnen Büchsenmacher besonderes, wie auch erkenn und unverwechselbarem herzustellen. Im Grunde ein gesundes kommerzielles handeln. Allgemeiner Trend hatte natürlich auch Einfluss auf das Schaffen. Als Vergleich nenne ich einmal das Handwerk des Goldschmiedes, welches ein guter Kumpel von mir ausübt. Da muss der allgemeine Trend bedient werden, aber der Reiz zu Individualität - Kreativität - eigener Vorstellung, so wie der Umsetzung des Meisters bringen besonderes hervor. Hier ist der Einfluss des Kunden gemeint. Meiner Meinung nach war das schon immer so! Das war nur meine bescheidene Meinung. Grundlage derzeitige Ratio.



    Viele Grüße - Breuko

  • Da kommen auch gleich 'mal Fragen auf, Breuko !

    Was verstehst Du unter "old", was unter "new" Pattern? Zeitlich wie angesetzt? Welche Schulen?


    Wär ja blöd wenn wir vom gleichen reden, und das beide nicht einmal bemerken, weil wir uns über die Jahre eine jeweils andere Wortwahl angewöhnt haben...


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Greenhorn , die Schulen möchte ich vorerst mal außer acht lassen. Als Old Pattern bezeichne ich die Schäfte mit einer deutlich stärkeren Schaftabsenkung mit einer deutlichen Krümmung des Rücken. In Richtung New Pattern gingen diese ursprünglichen Merkmale dann deutlich zurück,

    Im Grunde reden wir aber von der gleichen Sache?


    Viele Grüße - Breuko

  • Als Old Pattern bezeichne ich die Schäfte mit einer deutlich stärkeren Schaftabsenkung mit einer deutlichen Krümmung des Rücken

    Da muss man ein bisschen aufpassen, Breuko , glaube ich. Diese Eigenschaften haben nicht so sehr mit dem Zeitraum zu tun als mehr mit der Herkunft und den damit zusammenhängenden Einflüssen. So waren britische bzw. britisch beeinflusste Gewehre eher geradlinig, französische eher auf gekrümmten Linien aufbauend - bereits 1690, also ziemlich früh.

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    Zu der Zeit spielten auch die Holländer eine Rolle, von denen rede ich vorsichtshalber gar nicht.

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    Auch die Zeit davor kann man sich eher sparen.

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    Wenn ich mir anschaue, was sich in der Zeit um 1780 abgespielt hat, und da bin ich noch nicht einmal bei der Hälfte der Möglichkeiten, ist die Sache immer noch recht vielfältig. 6 Regionen, die selbe Zeit.

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    50 Jahre später waren die Konturen in diesen Regionen immer noch identisch, allerdings waren die Schäfte gut 1/3 schmaler geworden. Das könnte man als "neuen Pattern" betrachten. Fast noch wichtiger - wenn ich "Pattern" als den Zeitraum definierende Eigenschaft sehen will, wäre für mich der Wechsel von Vollschaft zu Halbschaft Gewehren. genaugenommen hatte der Schaft ja lediglich den Zweck, die Ladestock-Halterungen aufzunehmen. Gegen Ende der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Mehrzahl aller Werkstätten aber schon andere diesbezügliche Möglichkeiten. Ich würde die Definition von alten und neuen Patterns lieber in dieser Richtung betrachten.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Greenhorn , hallo Werner, herzlichen Dank für deine erklärenden Hinweise. Hatte die Bezeichnungen aus älterer Literatur, in der sich Old und New Pattern lediglich auf die Schaftform bezog. der Titel war wohl - Recreating The American Longrifle, ist aber schon so um die 35 Jahre her.


    Viele Grüße - Breuko

  • Um Gottes Willen, Breuko , - wir besprechen bloß das Thema. :drink::saint:

    Ich muss 'mal nachblättern, weil alle Autoren der "Recreating the American Longrifle" sind bzw. waren echte Asse auf ihrem Gebiet. Wenn die etwas in dieser Richtung schrieben dann dachten sie sich auch etwas dabei das Hand und Fuß hat. Egal ob's 35 Jahre her ist oder nicht.

    Am ehesten vermute ich dass sie sich auf die heute ganz bewusst gemachten "Fehler" beziehen, die bei heutige Nachbauten gemacht werden, um Schützen das Leben etwas leichter zu machen und auch gesetlichen bzw. Konsumentenschutz-Bestimmungen gerecht zu werden. Dann bezieht sich "New Pattern" auf die HEUTE gängige Umsetzung damaliger Formen. Beispielsweise höhere Visierung - damals waren Kimmen manchmal nur 1mm hoch. Durchaus geringere Schaftabsenkung, weil die heutigen Schützen die damalige hohe Schaftabsenkung als unbequem empfinden, schließlich ist man das von modernen Gewehren nicht gewohnt, - und mit denen hat aber (fast) jeder angefangen. Nachdem es gerade DIESEN Autoren ein Anliegen ist, dass Schützen gerne Vorderlader schießen suchten sie natürlich den Kompromiss der dafür sorgt, dass das VL-Schießen dem Gegenwarts--Schützen auch Spaß macht. Ich vermute, dass sie genau das in einem Buch, in dem es um den Nachbau von Longrifles geht, als "New Pattern" im Kontrast zum "alten" - also originalen Pattern meinen. Wäre die typische Peter Alexander Ausdrucksweise :saint:


    Besten Gruß

    Werner.

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Wäre zum Thema nun alles gesagt, wäre die "Schulen-Geschichte" recht einfach und eine Frage des auswendig lernens.

    Sofern man ausreichend interessiert ist.

    Da spielen aber einige Faktoren mit, welche die Sache beachtlich erschweren können.

    Zum einen sind selbständige Büchsenmacher zwangsläufig auch Individualisten, und keine Sklaven irgendeiner Schule,

    die damals noch dazu gar nicht als _Schule empfunden wurde, bestenfalls als lokale Kunstform.

    Zum Anderen DURFTE ein Lehrling nach abgeschlossener Ausbildung seine Kopien der Schablonen des Meisters mitnehmen,

    aber er musste sie nicht verwenden. Auch nicht, wenn er im lokalen County blieb. (Nicht einmal, wenn er die Tochter des

    Meisters geheiratet hatte ;))


    PK1001.JPGBüchsen die zu 100% den für eine Schule typischen Merkmalen entsprechen sind also in der Regel nur jene, die vom Begründer

    dieser Schule gefertigt wurden. Und auch von dem nicht alle, denn auch der entwickelte sich weiter.

    Wollte man das Thema "empirisch" angehen, könnte man für eine Schule typische Merkmale auflisten, um dann für eine zu analysierende Büchse abzuhaken: "Trifft zu" oder eben auch "trifft nicht zu". Was speziell bei nicht signierten Büchsen sogar tatsächlich sinnvoll sein kann.


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    Wobei man sich allerdings überlegen muss, wie viele Kriterien zutreffen sollten, um den Bezug zu einer Schule herzustellen. Und was man mit Kriterien

    macht die sich nicht so einfach in ein "Ja/Nein Schema" pressen lassen?


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    Am einfachsten ist die Sache, wenn man es mit einer signierten Büchse zu tun hat, der Büchsenmacher bekannt ist und man daher auch

    weiß, wo er gearbeitet hat. Dann macht man es sich einfach, interpretiert auf "Kundenwunsch", sonst eine Ausrede, und lässt die Dinge

    gut sein. Durchaus legitim, aber nicht ganz so einfach, wenn der Büchsenmacher unbekannt ist.


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    Die gezeigte Büchse stammt von Peter Kuntz, 1791 . 1862. Bruder des berühmteren

    Jacib Kuntz, ebenfalls ein erstklassiger Büchsenmacher, sein Leben lang in Whitehall

    Township aktiv, also in Northampton bzw. Lehigh County.


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    Von Peter Kuntz sind einige Büchsen erhalten. Zwar sind alle als typisch für die lokale

    Schule erkennbar, aber mit einigen Details hatte es Peter Kuntz offenbar nicht so sehr.

    So kenne ich keine Büchse von ihm, bei welcher der Kamm der Schaftkappe eingelassen ist.

    Peter Kuntz hat die Schaftkappe aufgesetzt. Offenbar wollte er es so, gekonnt hätte er anders

    auch. Er wollte halt nicht. Hat - damals - niemanden interessiert.


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    Die Schlossgegenplatte ist - freundlich ausgedrückt - ohnehin "eigenwillig". Ein aus welchen Gründen

    auch immer etwas improvisertes Stück, würde ich meinen. Wäre interessant wie es dazu gekommen ist,

    werden wir aber nie erfahren.


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    Dafür - ein Thema das wir hier noch gar nicht angesprochen hatten, ist die Kimme wiederum typisch für

    die Gegend / Schule. Während in Lancaster, Berks, Bedford etc. die Kimme am hinteren Ende der Grundplatte

    zu finden ist,, befindet sie sich bei vielen Northampton Büchsen mittig auf der Grundplatte. Technisch völlig

    irrelevant, es fällt nur als häufige Gemeinsamkeit auf.


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    Jedenfalls tut man sich mit dem Thema am Leichtesten, wenn man es relativ entspannt sieht.

    Kommt Zeit kommt Rat. Was man bestimmen kann bestimmt man, der Rest bleibt offen.

    Aber kaum ein Rätsel bleibt auf Dauer ungelöst.

    Die Sache soll schließlich Spaß machen, und nicht mit Verbissenheit verfolgt werden.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.