Kentucky Rifle

  • Der Begriff "Kentucky Rifle" wird gerne belächelt, weil sachlich falsch, ungenau, unpassend.


    Trotzdem: Manchmal ist er recht nützlich, insbesondere wenn man es mit einem Gewehr zu tun hat, zu dem man

    nichts bzw. viel zu wenig weiß, um irgendetwas fundiertes zu sagen.


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    Aus meiner Sicht stammt das Gewehr etwa aus den 1820er Jahren, und es könnte eine sog. "Trade Rifle" sein, also ein

    Gewehr das für den Fellhandel mit Indianern gefertigt wurde, zu einer Zeit, als dieser Handel bereits durch die amerikanische

    Regierung betrieben bzw. kontrolliert wurde.


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    Das Gewehr zeigt Merkmale die in den 1820er Jahren modern wurden, stammt aus einer Zeit als die

    typischen Schul-Eigenschaften bereits nur mehr sehr "verwaschen" - wenn überhaupt - erkennbar waren,

    die Holzmaserung ist aufgemalt, der Name des Büchsenmachers ist als nichtssagendes Kürzel "WP J" auf

    den Lauf gestempelt, das "Jos. C. Randall" Steinschloss wurde quer über die USA vertrieben, und Büchsenmacher

    waren bereits von San Francisco bis New York quer über die USA tätig.


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    Verwendet man für solche "Ich weiß nichts-Büchsen" den Begriff "Kentucky Rifle" als

    Kategorie Name, ist das durchaus sinnvoll.

    Wie dem auch sei, das Gewehr ist einfach, aber hochwertig gefertigt. Die künstliche

    Holzmaserung ist ein Detail, das bevorzugt für Gewehre benutzt wurde welche den

    Natives verkauft wurden. War übrigens nicht víel Arbeit, man nahm einen breiten

    Pinsel, entfernte mit einem passenden Stechbeitel in den gewünschten Abständen

    die Borsten, und schon konnte man mit ein paar Pinselstrichen die Tigerung simulieren.

    Indianer betrachteten das nicht als Betrug, sondern als künstlerisches Detail, alle

    waren zufrieden.


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    Das Steinschloss basiert auf einem englischen Design, woher es tatsächlich kommt

    ließe sich herausfinden, ich hab' aber noch nicht nachtgeseten. Der Lauf sollte um die

    .38" lang sein, und das Gewehr wurde zu seiner Zeit ausreichend intensiv benutzt, um

    den ausgeschossenen Lauf einmal aufzubohren und neu zu ziehen. Nachdem das Kaliber

    jetzt .36" ist, muss die ursprüngliche Variante recht "zart" gewesen sein.


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    Auf Kundenwunsch schnell ein paar Verzierungen ins Messing geschlagen, und die Sache war

    erledigt.


    Nachdem Gewehre in den 1820er Jahren - nicht zuletzt aufgrund der

    explosionsartig wachsenden Bevölkerung/Zuwanderung - zunehmend

    zum Massenartikel wurden, um so mehr weil viele Menschen in neue

    Siedlungsgebiete im Westen zogen, und auch die verschiedenen

    Goldrausch-Perioden Massenwanderungen auslösten, blieben die

    Gewehre weitestgehend unverziert. Nicht nur Trade Rifles. Die

    Büchsenmacher hatten schlicht keine Zeit mehr zur Selbstverwirklichung,

    und Werbung über schönes Design war nicht mehr gefragt, man kaufte

    dort wo geliefert werden konnte.


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    Mir gefällt das Gewehr. Zudem ist es gekonnt gearbeitet, der

    verantwortliche Büchsenmacher verstand sein Handwerk.

    Damit bin ich aber - zumindest vordergründig, am Ende der

    Informationen angelangt. Mehr weiß ich einfach nicht,.


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    Besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • woran siehst Du, daß der Lauf nachträglich aufgebohrt wurde?

    Garnicht! :saint:

    Da sieht ein Büchsenmacher, wenn er das Gewehr in der Hand hat.

    Und wenn das Ding dann vekauft wird, gibt man die Info eben weiter.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • In der Regel wurde bei einem gefrischten Lauf ein "Ring" als Kennzeichnung an der Stirnseite des Laufes, um die Mündung herum, eingestochen. Je nach dem wie ehrlich der Büma war. Wenn es z.B. zwei oder drei Mal geschehen war, so auch mehrere Einstiche.


  • Ich habe mal ein paar für mich wesentliche Dinge zitiert, schaue ich mir dazuhin weitere erkennbare Einzelheiten wie die Fältelung der Schaftbacke, den Stecherabzug

    und

    eben die wie Du selbst schreibst insgesamt sowohl hochwertige Fertigung als auch das ursprünglich sehr(!) kleine, für Tade Guns doch eher unübliche Kaliber an, stimme ich Dir in praktisch Allem zu, außer der Vermutung der Tradegun.


    Ich denke, das war einfach ein Arbeitsgerät für die Kochtopfjagd eines Farmers auf Kleinwild.

    "Im Leben braucht man zwei Dinge - Ignoranz und Überheblichkeit

    und

    der Erfolg ist einem sicher."

    (Mark Twain)

  • Ich denke, das war einfach ein Arbeitsgerät für die Kochtopfjagd eines Farmers auf Kleinwild.

    Das ist durchaus möglich, Captain Cat , allerdings spricht auch nichts gegen eine TradeRifle.


    Im Gegensatz zu den glatten Tradeguns waren die Trade-Rifles, unter Anderem von Henry Leman, Henry Deringer oder auch den Büchsenmachern der Tryon Familie durchaus qualitativ hochwertig gefertigt. Man verzichtete auf aufwändige Zusätze, außer man wollte einen Häuptling für längerfristige Geschäfte mit seinem Stamm gewinnen. Aber die Qualität von Tradeguns war durchaus ausreichend gut, um Büchsenmacher auch für diese Arbeit berühmt werden zu lassen. Henry Leman erwarb mit dieser Arbeit den Spitznamen des letzten Gentleman unter den Büchsenmachern.


    Ich gebe zu, mehr Argument als die künstliche Tigerung habe ich auch nicht, nur - für Arbeitsgeräte von Farmern machte man das eher nicht. Die legten auf solche Details keinen Wert, die wollten eben "nur" ein Arbeitsgerät. Während die Natives das schätzten.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Ich gebe zu, mehr Argument als die künstliche Tigerung habe ich auch nicht, nur - für Arbeitsgeräte von Farmern machte man das eher nicht. Die legten auf solche Details keinen Wert, die wollten eben "nur" ein Arbeitsgerät. Während die Natives das schätzten.


    besten Gruß

    Werner

    Ja, auch das ist alles schlüssig und nachvollziehbar.


    Was mir aber als gewichtiges Argument gegen die Verwendung als Indianerwaffe erscheint, ist das auffallend kleine Kaliber.


    Gibt es tatsächlich Hinweise oder Belege dafür, daß ein derart kleines und für das Leben in der Wildnis doch eher unpraktisches

    Kaliber auch von Indianern nachgefragt wurde ?

    "Im Leben braucht man zwei Dinge - Ignoranz und Überheblichkeit

    und

    der Erfolg ist einem sicher."

    (Mark Twain)

  • Eigentlich lief es umgekehrt, Captain Cat , eigentlich sind die Indianer die Erfinder der kleinen Kaliber. Sie waren die Praktiker, die ersten - etwas eigenwillig formuliert - "Langstrecken-Nutzer" von Schusswaffen. Sie wussten, dass sie vielleicht ein paar Tausend Kilometer unterwegs sein würden, bevor sie Zugang zu Nachschub an Pulver und Blei bekamen. Ursprünglich reduzierten sich europäische .75"Kaliber auf .62". Mit den Rifles dann auf .54", .45", besonders gerne auf .40". Und durchaus auch darunter, bis hin zu .28".


    Dennoch ist Dein Einwand berechtigt, denn auch bei den Indianern änderte sich diese Sichtweite dadurch, dass Pferde zur Verfügung standen, aber auch die Dichte "weißer" Siedlungen wuchs, die Verfügbarkeit von Nachschub entsprechend besser gewährleistet war.


    Ein Faktor bei diesem Gewehr ist, dass ich nicht weiß, welches Kaliber es zuvor hatte. Häufig wird in den Beschreibungen nicht unterschieden, ob "nur" der Lauf aufgebohrt und neu gezogen wurde, oder ob er aufgebohrt wurde um anschließend einen Innenlauf einzusetzen, eine Technik die bereits um 1850 angewendet wurde. Wir wissen also nicht einmal, ob das ursprüngliche Kaliber nicht größer war als das jetzige. Wenn das nicht der Fall ist, sollte das ursprüngliche Kaliber ein .32"er gewesen sein. Das war auch bei Indianer-Büchsen zu finden. Die sammelten gerne, und hatten für jeden Zweck ein optimales Gewehr "im Zelt". Glatt und gezogen. .32" bis .62", Steinschloss und Perkussion, für Hasen, Eichhörnchen, Bären und Bisons.


    Ob Deine Vermutung zutrifft, bleibt also unbekannt. Wir können nur raten. Sie ist um nichts unwahrscheinlicher oder wahrscheinlicher als meine Darstellung/Vermutung. Speziell auch, weil wir nicht wissen woher genau das Gewehr kommt.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Das ist schon klar, aber wenn Du den Kochtopf erlegst, ist es aus mit der Suppe :hyster::hyster::hyster:Und das ist doch bei Squirrel sehr schade...



    hättest ja auch Jagd für den Kochtopf schreiben können

    Erik - the master of desaster
    Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet (Samuel Langhorne Clemens)

  • hättest ja auch Jagd für den Kochtopf schreiben können

    Jetzt hoffe ich nur, daß ich mit meiner Verkürzung des Begriffes niemand hinsichtlich des Verständnisses überfordert habe


    ;)


    Selbst unter uns Anglern ist klar, wenn wir abschätzig über "Kochtopffischer" reden, daß damit nicht jene Zeitgenossen gemeint sind, die einen alten Kochtopf aus dem Wasser ziehen


    grin-.)grin-.)grin-.)

    "Im Leben braucht man zwei Dinge - Ignoranz und Überheblichkeit

    und

    der Erfolg ist einem sicher."

    (Mark Twain)