Ferguson lässt grüßen!

  • Wieder 'mal ein Gewehr aus der Kuriositätenkiste.

    In mehrererlei Hinsicht.

    Aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, ein Südstaaten Patent aus dem Jahr 1863,

    und ein Hinterlader. Und das ist erst fast alles.


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    Auf den ersten Blick ist das Gewehr eher unauffällig. Vielleicht nicht ganz typisch

    für ein amerikanisches Gewehr, aber auch das hat seinen Grund. Dazu später. BW0002.jpg

    Aber natürlich fällt der Abzugsrahmen auf, besonders nach der doofen Überschrift des Threads.

    Wie dem auch sei, fangen wir mit dem Einfachen an:

    Das Patent für den Mechanismus dieses Gewehrs erwarb ein Lewis Wells Broadwell aus New Orleans,

    Lousiana. Zunächst im Jahr 1863.


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    Der Lauf des Gewehrs entsprach dem Standard seiner Zeit, gezogen, für .58" Minie Geschoße.

    Dementsprechend war ein solider Verschluss gefragt. Eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe

    für den Entwickler.


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    Vor Allem kann man sich - wenn man nur Patrick Fergusons Hinterlader kennt, nicht wirklich vorstellen wie dessen Mechanismus mit einem Minie

    Geschoß zuverlässig arbeiten soll.


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    Herrn Broadwell kombinierte die Ideen von Patrick Ferguson aus England mit jenen von Christian Sharps. genauer:

    er steuerte einen Fallblock durch die horizontale Rotation des Abzugsrahmens.


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    ein Steilgewinde senkte den Fallblock ab, wenn man den Abzugsrahmen um eine Halbe Umdrehung rotierte,

    der Schütze konnte eine Papierpatrone in den Lauf schieben und drehte den Abzugsrahmen zurück. Wie auch

    bei der Sharps Rifle erfolgte die Zündung über ein konventionelles Perkussionsschloss.


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    Übrigens: Kuriosität am Rande: Das gezeigte Gewehr ist eine gezogene Vorderlader-Muskete aus Österreich,

    aus den Händen eines Ferdinand Früwirth, die irgendwie nach Amerika gelangte und von Lewis Broadwell

    für seine Experimente umgebaut wurde. Mit etwas gutem Willen lässt sich auch der Stempel "Ferd Frühwirth"

    noch entziffern.


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    Ob das Gewehr jemals in Produktion ging ist mir nicht bekannt, eine nennenswerte

    Stückzahl wurde jedenfalls nicht fertiggestellt, ich habe auch keine Ahnung ob es

    zur Erprobung noch an die Truppe weitergegeben wurde.


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    Die originale Patentschrift ist zwar nicht erhalten, Lewis Broadwell reichte sein

    Patent aber 1865 nach der Niederlage der Südstaaten erneut ein, und erhielt es

    von der nun für die wiedervereinten Staaten erneut. Erfolg war der Waffe aber

    nicht beschieden, gegen die Springfield Armory und deren Trapdoor Konzept war

    sie chancenlos.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Interessant auch deshalb, weil Gewehre mit dem Schraubverschluss von Patrick Ferguson auf Seiten der britischen Armee schon im Unabhängigkeitskrieg zum Einsatz gekommen waren. https://en.m.wikipedia.org/wiki/Ferguson_rifle

    Aber anstatt loses Pulver einzufüllen, wurde eine Papierpatrone verwendet, was aber nur dann funltionierte, wenn man eine zuverlässige Zündung durch einen sehr starken Zündstrahl hatte (Zündpille oder Zündhütchen). Dies wäre wohl nicht mit einem Steinschloss und dem entzündeten Pulver auf der Pfanne möglich gewesen.


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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.

  • und habe bein Stöbern im Netz diesen Beitrag gefunden:

    Der beste verfügbare Artikel zur Ferguson Rifle. Besseres gibt es nur noch in Buch-Form.

    Es werden praktisch alle Aspekte des Gewehrs sehr gut beleuchtet, von den Produktions-

    Problemen in einer Zeit in der man austauschbare Norm-Teile noch nicht kannte, die

    Mechanik des Gewehrs solche aber eigentlich verlangt hätte, sobald man mehr als bloß

    Einzelstücke wollte. Bis hin zu der Tatsache, dass hier ein Konzept entwickelt worden war,

    das eine weit höhere Feuergeschwindigkeit erlaubte als die damals gängigen Musketen,

    das aber bei einer Zielgenauigkeit die Musketen um ein vielfaches überlegen war. Zudem

    ein Gewehr das nicht im aufrechten Stehen geladen werden musste, sondern in praktisch

    jeder beliebigen Körperhaltung, somit in jeder verfügbaren Deckung. Das Gewehr war

    seiner Zeit um gut 50 Jahre voraus.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Ausgesprochen interessant. Auch der Name Frühwirth. Ich habe eine Steinschlossbüchse von einem Johann Frühwirth aus Wien. Ich muss mal recherchieren, ob der Frühwirth der gezeigten Waffe ein Nachfahre meines Frühwirths ist. Mal sehen, was der Stöckl sagt.

    Danke fürs Zeigen, Werner.


    Lederstrumpf

  • Fruhwirth (oder Frühwirth) waren eine bekannte Büchsenmacherfamilie in Wien. Das oben gezeigte Gewehr dürfte von Ferdinand Frühwirth 5.10.1812 - 1.3.1867) gefertigt worden sein. Die Patrone stammt von seinem Sohn Ferdinand Frühwirth (18.12.1841 - 8.6.1892). Der hatte 1872 ein Repetier-Gewehr konstruiert, das bei den Tiroler Landjägern geführt wurde.

    Dazu gibt es auch eine
    "Instrukzion über die Einrichtung, Behandlung, Conservierung Visirung und den Gebrauch des Gendarmerie-Repetier-Gewehres nach System Fruhwirth sowie der zu demselbigen gehörenden Munizion"; Wien 1872