Northampton /Lehigh Valley Rifles

  • eignen sich meiner Meinung nach besonders gut, um das Thema "Longrifle Schulen" etwas verständlicher zu machen.

    Das Thema ist deshalb so schwierig, weil es einerseits nicht ausreichend beachtet wird, andererseits aber überschätzt wird.

    Was eigentlich einen krassen Widerspruch darstellt.


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    Die Schwierigkeit, Longrifle Schulen zu verstehen entstand eigentlich erst in der Gegenwart, mit dem Angebot von - durchaus

    sehr guten - Komponenten zum Nachbau korrekter Longrifles. Diese Angebote waren und sind zwangsläufig recht eingeschränkt.

    Im Fall der Northampton County/Lehigh Valley Schule reduzieren sie sich auf die Arbeit von Johannes Moll, sowie dessen Schüler,

    wie John und Hermann Rupp, Peter Neihard und einige andere.



    Diese Herren haben wirklich hervorragende Kunstwerke geschaffen, - sie sind die Creme de la Creme der Schule. Nur -

    genau so wenig wie die besten 5 einer Sportart repräsentativ für die Menschen sind, die diese Sportart betreiben, ist die

    Arbeit dieser Elite repräsentativ für die hunderten Büchsenmacher, die ihr Talent und Können mit den Eigenschaften der

    Schule kombinierten.


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    Vielfach kennt diese Büchsenmacher heute kaum jemand mehr, obwohl ihre Arbeit diese Ignoranz sicher nicht verdient.

    Von einem dieser vermeintlichen "Underdogs" außerhalb des Moll/Rupp/Neihard/Kuntz Kreises ist mir jetzt ein erhaltenes

    Original über den Weg gelaufen. Was den Vergleich ermöglicht.


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    Das Gewehr stammt von einem Herrn Jacob Bacher, der von 1760 bis 1813 lebte.

    1785 war er bereits in Greenich Ward/Berks County in den Steueraufzeichnungen

    als Schmied registriert, 1799, 1800 und 1805 in Zionsville, das im danaligen Northamton

    County, im Tal des Lehigh Riber lag.


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    Wo Jacob Bacher das Büchsenmacher Handwerk erlernt hat ist mir nicht bekannt. Wohl

    nicht bei Johannes Moll, eher bei einem der Büchsenmacher in Berks County.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich nun die Frage stellt: "Wo zur Hölle ist denn da

    jetzt die gemeinsame Schule???". Was durch eine hierzulande häufig falsche Interpretation

    des Begriffs "Schule" entsteht.


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    "Büchsenmacher Schule" ist ein Begriff, der im Amerika des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Die Büchsenmacher

    des 18. und 19. Jahrhunderts hatten keine Ahnung davon, dass ihre Arbeit einst auf eine solche Weise analysiert

    und eingeteilt werden würde. Die hatten lediglich das Motiv, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ihre Familie zu

    ernähren und im Rahmen der Möglichkeiten erfolgreich zu sein.


    Als man ab ca. 1920 begann, die Geschichte der Longrifles zu erforschen, war alles Wissen um diese Waffen

    verloren gegangen, bzw. Restwissen im Begriff, verloren zu gehen. Man begann weitgehend bei Null. Was man

    vernünftigerweise damit begann, gefundene alte Longrifles in Gruppen einzuteilen. Hilfreich dabei waren unter

    anderem die erhaltenen Steueraufzeichnungen aus der Zeit, die Ort, Jahr und aktuellen Beruf beinhalten.


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    Nun fand man bei den Gewehren Eigenheiten, die sich auf gewisse Gebiete beschränkten, und anderswo nicht oder

    bestenfalls sehr spärlich zu finden sind. Diese lokalen Konzentrationen haben aber sehr unterschiedliche Ursachen.

    Ein bekannter Faktor ist, dass Lehrlinge nach Abschluss ihrer Ausbildung die Schablonen des Meisters - die sie ja für

    sich selbst kopiert hatten - behalten durften. Ein weiterer Faktor ist, dass man Komponenten wie Schlosse, mitunter

    auch Beschläge, bei "wandernden Händlern" einkaufte, die ihrerseits untereinander das Land in Kundenkreise unterteilt

    hatten, und jeder der Händler seine Ware nur in dem ihm zugewiesenen Kundenkreis verkaufte. Was zwangsläufig zu

    lokalen Gemeinsamkeiten bei den Waffen führte. Aber auch zu Ausnahmen, beispielsweise durch Büchsenmacher die

    ihre Komponenten selbst fertigten.


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    Dazu kamen bestimmte lokale Symbole. In Läncaster beispielsweise hatte das

    stilisierte Gänseblümchen die Bedeutung eines Wappens, und wurde am Scharnierteil

    der Patchbox fast schon unvermeidlich verwendet. In Northhampton County ist bis

    heute nicht bekannt, welche Bedeutung der vor dem Abzugsrahmen geschnitzte oder

    als Inlay eingelassene Kopf einer Indianerin hatte, aber man findet ihn dort häufig,

    andernorts aber nie. An die vorderen Enden der Schaftkappen wurden gerne Linien

    gefeilt, die Zahl der Linien gibt das County an. Und dergleichen mehr.


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    Man begann bei der Forschung also einzuteilen: "Diese Eigenschaft finde ich hier, diese

    auch, diese 50km weiter im Westen, …, …, …, . So konnte man mit der Zeit gewisse

    Eigenschaften gewissen Gebieten zuteilen. Diese Zuteilung nannte man eben "Schulen".

    Was aber nicht meint, dass dort irgendjemand irgendetwas auf eine bestimmte Art und

    Weise erlernt hätte. Das kann zwar ein Faktor gewesen sein, muss aber nicht. Und wenn,

    denn eben auch nur ein Faktor von mehreren.


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    In Bucks County stellt man fest, dass der Deckel von Patchboxes nach unten öffnet.

    Warum ist unbekannt. Vielleicht hat der lokale Händler eben solche Boxes im Angebot,

    und man bekam keine anderen. Oder es handelte sich um eine lokale Mode. Egal! Dort

    findet man diese Eigenschaft häufig. Andernorts Gelegentlich.


    Noch ein Wort zur gezeigten Büchse: Die hat einen gezogenen

    44.75" langen Lauf im Kaliber .44". wurde vor Jahren um ca.

    € 12.000. verkauft und zeigt eben Eigenschaften, die man -

    speziell in dieser Kombination . nur in der Umgebung des

    Lehigh Riber Tals findet. Und das war's auch schon.


    besten Gruß

    Werner

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    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Greenhorn , trotz eindeutiger Zuordnung zu einer bestimmten Schule gab es doch auch immer wieder individuelle Ausreißer von einzelnen Büchsenmachern?

    Dieses wohl auch als Werbung für den eigenen Namen, aber keinesfalls als Missachtung des Stils zu sehen.


    Grüße - Breuko

  • Im Gegenteil, Breuko ,

    eigentlich gab es NUR Ausreißer! 8)


    Wie gesagt, den Herren damals gingen Schulen am A... vorbei. Die hatten keine Ahnung, dass eine solche Bezeichnung 150 Jahre nach ihrer Zeit erfunden werden wird. Die arbeiteten wie sie es gelernt hatten, manche behielten den Stil ihres Lehrmeisters bei, andere entwickelten mit der Zeit ihren eigenen Stil,

    jedenfalls aber wurden - insbesondere bei Barnguns - auch immer wieder vorhandene Beschläge von irgendwelchen zerstörten Gewehren, quasi aus der "Reste-Kiste" weiterverwendet, etc. .


    Kaum ein Gewehr ist "100% Schule". Ich würde meinen, die meisten Gewehre sind 50% Schule X, 20% undefinierbar, 10% Schule am 10% Schule b, 10% Schule c. Oder irgendwie in dieser Art. Nur - wenn man diese 50% findet, weiß man schon, dass man richtig liegt.


    Und - man kann's nicht oft genug betonen: Die Büchsenmacher arbeiteten NICHT nach gelernter Schule, die wählten die Technik die in ihrer Gegend gerade gekauft wurde, mit den Elementen die in ihrer Gegend gerade verfügbar waren. Ganz pragmatisch, würde man heute sagen.


    Aber man war damals nicht so mobil wie heute. Man schaute von benachbarten Büchsenmachern ab, was einem bei denen gefiel, aber weiter als vielleicht 20, 30km entfernte man sich nicht vom eigenen Arbeitsplatz. Man kaufte bei den gleichen lokalen Komponenten-Händlern ein, etc, etc,


    UND 150 JAHRE SPÄTER entdeckte man, dass sich aus all diesen Umständen lokale Stilrichtungen entwickelten, und nannte diese Stilrichtungen "Schulen".


    Weil's dadurch in Gesprächen klar zu machen, worüber man spricht, - was man meint, - welche Details man anspricht. Aber das ist Syntax die aus der Sichtweise der Gegenwart die Vergangenheit beschreibt, und sicher nicht eine Beschreibung von Vorgaben, denen sich Büchsenmacher damals unterworfen haben.


    besten Gruß

    Werner

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  • Dass die Menschen früher nicht so mobil waren und sich nur in einem 20 - 30 km Umkreis bewegten, ist wohl eine moderne Legende. das kann man schon aus den Eheschließungen ableiten. Gerade die jungen Leute kamen erstaunlich weit herum. Und auch bei den Büchsenmachern in den USA war es eine gute aus Europa übernommenen Tradition, dass diese nach der Lehre auf Wanderschaft gingen.


    Da hat man viel gesehen! Zudem wurden Waffen nicht nur für den heimischen Markt gebaut, sondern auch für den Handel. Nur haben sich von den Gebrauchswaffen wohl viel weniger erhalten, wie von den "Besseren".



    Ansonsten, wieder mal Danke für Deine Ausführungen :mk:



    Ich sehe es als die große Kunst der heutigen guten Gunmakers, nicht 100%ig genaue Kopien alter Waffen anzufertigen, sondern stimmige Waffen, wie sie auch in einer bestimmten Gegend entstanden sein könnten.

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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.

  • Dass die Menschen früher nicht so mobil waren und sich nur in einem 20 - 30 km Umkreis bewegten, ist wohl eine moderne Legende. das kann man schon aus den Eheschließungen ableiten. Gerade die jungen Leute kamen erstaunlich weit herum. Und auch bei den Büchsenmachern in den USA war es eine gute aus Europa übernommenen Tradition, dass diese nach der Lehre auf Wanderschaft gingen.

    Da ist die Frage, was man unter "mobil" versteht.

    Viele Zehntausend sind immerhin einige tausend Kilometer von Europa nach Amerika umgesiedelt, auf ziemlich unsicheren Segelschiffen.

    Wenn das nicht "mobil" ist, was dann?


    aber:


    30km zum Nachbarn sind heute eine Frage von 20, 30 Minuten, viele fahren größere Strecken tagtäglich zur Arbeit, und Abends retour.

    Damals, im 18. Jahrhundert, - noch ohne Pferd - war das ein guter Tagesmarsch! Und wenn man eigentlich wenigstens 5 Tage die Woche in der eigenen Werkstatt arbeiten sollte keine Sache, die man so ohne Weiteres am "Tagesplan" hatte, nur um "beim Kaffee" Erfahrungen auszutauschen.


    Für dauernde Umsiedlungen oder (Lehr-) Reisen war man "mutiger mobil" als heute, aber die tägliche "kleine Mobilität" war zu zeitraubend.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Ich weiß von sehr sesshaften Bauern, die einmal die Woche 20 km zum Markt nach Ingolstadt gelaufen sind, und wieder zurück.

    Mein Urgroßvater ist des Sonntags immer in der Umgebung gewandert, und hat nicht nur die Verwandtschaft besucht. Vieh anschauen, sehen was die anderen Bauern so machen. Einfach die Gegend erkunden. 50 km an einem Tag waren da durchaus mal drin.

    Natürlich ist es für uns unvorstellbar, solche Strecken so einfach zu Fuß zurücklegen zu können.


    Aber es war auch ohne Auto nicht unüblich, auch weitere Reisen zu unternehmen. Das geschah in katholischen Gegenden beim gemeinen Volk als Wallfahrt.


    Und die Gesellen sind während ihrer Wanderschaft ziemlich weit herumgekommen.


    Das war sicher im Amerika nicht anders. Vielleicht war man mal ein paar Tage unterwegs. Nicht jedes Wochenende, aber doch immer wieder. Sooo beschränkt auf den näheren Umkreis war man auch nicht!


    Man hat auch nicht 5 Tage in der eigenen Werkstatt gearbeitet, sondern 6 Tage. Aber die Handwerker waren wie auch hier nicht nur Handwerker, oft waren sie das eher neben der Landwirtschaft.

    Übrigens gibt es bei den Amish für die jungen Leute immer noch die Zeit des Rumspringa. Warum soll das im 18. und 19. jahrhundert bei den Jungen der aus Europa stammenden Siedler anders gewesen sein?

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  • Das die Leute zu der besagten Zeit nach ihren Möglichkeiten mobil waren stelle ich mal außer Frage. Mich würde aber eher die Wanderschaft von Gesellen des Büchsenmacher - Handwerkes interessieren. Bei uns konnte ein Geselle ja nichts ohne ausreichende Wanderschaft werden, dafür haben die Zünfte ja gesorgt. Ergo war Wanderschaft ein muss oder zu mindest freiwilliger Zwang. Ich habe keine Ahnung ob es in den Staaten vergleichbare Regeln gab. Die Auswanderer haben ihre Tradition ja wohl auch mitgenommen. Würde mich freuen, mehr darüber zu erfahren.


    Grüße - Breuko

  • ... Ich habe keine Ahnung ob es in den Staaten vergleichbare Regeln gab. Die Auswanderer haben ihre Tradition ja wohl auch mitgenommen. ...

    Es gab in den USA weder Zünfte noch vergleichbare Regeln. Dafür gab es eine absolute Gewerbefreiheit. Jeder konnte das Gewerbe ausüben, von dem er meinte, es zu können. Fand er dabei keine Kunden, nun, dann verhungerte er eben.

  • Ich weiß von sehr...

    Alles unbestritten, nur sollten wir beim Thema bleiben.


    EIN Büchsenmacher. Plus einer 30 km nördlich, einer 20km westlich, ein weiterer 35 km östlich, ...


    Das ist eine Frage der Mobilität. Erst recht wenn man 5 oder auch 7 Tage die Woche arbeitet, und noch mehr, wenn man viellleicht "hauptberuflich" eine Landwirtschaft betreibt.

    Nicht zu vergessen: 30 Kilometer Entfernung sind 60km Weg, zurück beamen war auch damals nicht.


    Wenn "der Weg das Ziel war, gab es keinerlei Problem - schließlich waren die Leute nicht "bewegungsfaul".

    Aber auch damals hatte der Tag nur 24 Stunden, und selbst wenn man schnell ist und 6km/Stunde schafft, waren 30km Distanz ein relevanter Zeitfaktor,

    wenn man gleichzeitig andere Leistungen zu erbringen hätte.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Es gab in den USA weder Zünfte noch vergleichbare Regeln. Dafür gab es eine absolute Gewerbefreiheit. Jeder konnte das Gewerbe ausüben, von dem er meinte, es zu können. Fand er dabei keine Kunden, nun, dann verhungerte er eben.

    Ohne jetzt die damaligen Zünfte oder die heutige Meisterpflicht nach deutschem Muster kritiklos gut zu heißen - aber das

    völlige Fehlen gewisser Regulierung, die absolute Gewerbefreiheit in den USA führt bis heute dazu, daß man dort angesichts so mancher Handwerkerleistung doch arg ins Schmunzeln gerät - da erkennt man oft, daß der Auftragnehmer wirklich nur "meint" es zu können.


    Wenn dann wirklich gute Konkurrenz fehlt, dann verhungert er nicht mal und die Kunden glauben mangels Vergleichsmöglichkeit

    sogar es wäre in Ordnung.

    ;)

    "Im Leben braucht man zwei Dinge - Ignoranz und Überheblichkeit

    und

    der Erfolg ist einem sicher."

    (Mark Twain)

  • Na ja, dafür wurden in den Zünften z.B. Laufschmiede hingerichtet, wenn sie auch einmal ein Schloss geschmiedet hatten. Oder gar ein ganzes Gewehr in Eigenregie fertigten. Beide Systeme hatten und haben ihre Stärken und Schwächen.

    Was wohl daran liegt, dass immer nur Menschen am Werk sind.

    Und die sowohl im Positiven als auch im Negativen gerne über die Stränge schlagen.


    besten Gruß

    Werner

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  • Das die Leute zu der besagten Zeit nach ihren Möglichkeiten mobil waren stelle ich mal außer Frage. Mich würde aber eher die Wanderschaft von Gesellen des Büchsenmacher - Handwerkes interessieren. Bei uns konnte ein Geselle ja nichts ohne ausreichende Wanderschaft werden, dafür haben die Zünfte ja gesorgt. Ergo war Wanderschaft ein muss oder zu mindest freiwilliger Zwang. Ich habe keine Ahnung ob es in den Staaten vergleichbare Regeln gab. Die Auswanderer haben ihre Tradition ja wohl auch mitgenommen. Würde mich freuen, mehr darüber zu erfahren.

    Derartige Regeln gab es "drüben" nicht. Es gab auch die bei uns üblichen Unterscheidungen von Lehrling, Geselle, ..., nicht, - oder nur eingeschränkt.

    Sprich - die Begriffe existieren zwar, in der Praxis war es aber unbedeutend wie sehr man sich daran hielt. Es zählte die Fähigkeit zu überleben, ob durch Können, durch Geld, durch fragwürdige Machenschaften, ..., war eher zweitrangig. Nur - einen guten Ruf schaffte man sich eben nur, wenn man auch gut war.

    Extremisten wie Jacob Kuntz - dessen Arbeit man u.a. im Metropolian Museum of Art - sprich einem Kunstmuseum - findet, brach - ich glaube im Alter von 16 Jahren - seine Lehre ab um eine eigene Werkstatt einzurichten, weil er "ohnehin nichts mehr lernen konnte!" In dem Fall nicht einmal unberechtigt, wie seine Karriere zeigte. Andere arbeiteten ihr Leben lang als "Journeyman" - was in etwa dem wandernden Gesellen entspricht - nicht weil sie schlecht waren, sondern weil sie sich eine eigene Werkstatt nicht leisten konnten, somit als "Journeyman" Arbeitnehmer eines Meisters blieben.


    Zumindest bis zum Beginn der industriellen Fertigung in den 1830ern wurden Büchsenmacher- Lehrlinge in die Familie des Meister aufgenommen. Die Lehre begann im Alter von 8 Jahren und endete mit der Volljährigkeit, damals 21 Jahre. Und gar nicht selten auch als Schwiegersohn des Meisters, sofern der eine Tochter hatte.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Genau nach dieser Info habe ich gesucht Greenhorn . Die Arbeit von fertigen Gesellen als journeyman. Wie üblich war das für die Büchsenmacher im kolonialen Amerika? Es ist ja bekannt, dass die Einwamderer an den Traditionen aus ihrer alten Heimat teilweise festhielten, aber ihr Verhalten auch an die neuen Lebensbedingungen anpassten.

    Hat schon jemand mal die bekannten Lebensläufe von Büchsenmachern in den englischen Kolonien und den USA daraufhin analysiert, wie weit diese nach der Lehrzeit herumgekommen sind? Oder saßen die Einwanderer und deren Nachkommen in ihrer neuen Heimat eher in der Gegend, in der sie sich erstmals niedergelassen hatten?

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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.

  • Wie üblich war das für die Büchsenmacher im kolonialen Amerika? Es ist ja bekannt, dass die Einwanderer an den Traditionen aus ihrer alten Heimat teilweise festhielten,

    Im kolonialen Amerika war das überhaupt nicht üblich. Was aber vermutlich mehr am Zeitrahmen liegt. Nicht vergessen - das koloniale Amerika endete praktisch 1783, Und da war noch nicht die "freie Welt", sondern eben englische Kolonialherrschaft.

    Wie üblich solche Strukturen danach wurden ist mir nicht bekannt, aber sie entstanden recht schnell. Besonders erfolgreichere Büchsenmacher begannen recht schnell, mit "Personal" zu arbeiten. Ein Geselle der die Lehre abgeschlossen hatte aber das Geld - oder auch den Mut - für ein eigenes Geschäft nicht hatte, wurde von seinem Meister nicht 'rausgeschmissen, wenn man 12 Jahre lang gut zusammengearbeitet hatte. Erste Fälle dieser Art sind mit praktisch mit der Jahrhundertwende ins19. Jahrhundert bekannt, also ab 1800. Irgendeiner davon sollte sogar hier im Forum näher beschrieben sein, erinnere ich mich dunkel.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.