Radschloss Muskete

  • 'Mal 'was anderes, zumindest wenn man die europäischen Wurzeln

    aller amerikanischen Waffen der Kolonialzeit ignoriert. Und auch, dass

    in den ersten hundert Jahren nach Kolumbus Luntenschloss und auch

    Radschlosswaffen in der Neuen Welt ohnehin die einzigen Handfeuerwaffen

    waren.


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    Dieses Gewehr ist aber eine ganz andere Klasse, eine nicht ganz typische

    aber auch nicht ganz unübliche Waffe aus Deutschland, die erst in der Neuzeit

    in die USA ausgewandert ist.


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    Genauer gesagt stammt dieses Gewehr - größtenteils aus Nürnberg. Aber eben nicht ganz.

    Zum Teil kommt es auch aus Wien - wenn auch nur indirekt. Denn eigentlich müsste man

    sagen: Aus der Türkei.


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    Wäre es anders, dürfte man vielleicht auch nicht "Muskete" sagen, sondern müsste vermutlich

    eher von einer Büchse sprechen. Was in diesem Fall aber eben nicht zutrifft.


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    Genauer: Das Gewehr stammt aus dem 17. Jahrhundert, nicht aber der Lauf. Der ist noch

    einmal 100 Jahre älter, und wurde aus Wien geliefert. Was in dieser Zeit - warum auch immer -

    gar nicht selten geschah. Allerdings wurde er nicht in Wien gefertigt, sondern ist ein Beutestück

    von der ersten Türkenbelagerung Wiens. Also ein türkischer Lauf.


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    Ich habe keine Ahnung warum, aber offenbar wurden zur damaligen Zeit des Öfteren

    deutsche Radschloss-Büchsen auf türkische Musketenläufe aus den Wiener Türkenbelagerungen

    umgerüstet. Müsste ich spekulieren würde ich sagen, dass diverse adelige Heerführer ihre Jagdbüchsen

    auf leichter zu ladende Glattläufer umbauen ließen. Haken an der Spekulation: Heerführer die sich ein

    derartig ausgeführtes Gewehr leisten konnten waren wohl nicht darauf angewiesen, schnell laden zu

    können.


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    Vielleicht wurden die türkischen Läufe auch "nur" für Schrotladungen geschätzt, und

    weil sie militärischen Ursprings sind, sprechen selbsternannte Fachleute von "Musketen"

    statt von Flinten. Wie dem auch sei, irgendwie ist das Detail pikant.


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    Das Gewehr zählt zu den wirklich edlen Kunstwerken der damaligen Zeit. Der Schaft zeit einige

    edle Silber-Einlagen, die aber gar nicht so wirklich auffallen, weil die Schnitzereien aus Horn -

    Horn vom Hirsch - viel mehr ins Auge springen.


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    Die Motive sind breit gestreut: Tiere, Engel, Gestalten aus der griechischen Mythologie,

    sowie diverse Sagengestalten. Über die Qualität der Arbeit braucht man kein Wort zu

    verlieren, da bleibt nur die Bewunderung für den Meister, der dies fertiggebracht hat.


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    Auch die Schaftkappe ist auch Hirschhorn, und sie zeig ein recht interessantes

    Detail. Nur weil wir das Thema vor kurzem angerissen hatten, und dieses Gewehr

    gut 50, eher 100 Jahre bevor deutsche Büchsenmacher nach Amerika auswanderten

    entstanden ist. Zumindest würde ich den Metallteil unten zwischen den Nägeln oder

    Schrauben für den Öffnungs- pder auch Verschlussmechanismus einer Patchbox halten.


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    Dass das Gewehr mit einer Patchbox ausgestattet ist, wird wohl niemand

    anzweifeln.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • .... Ich habe keine Ahnung warum, aber offenbar wurden zur damaligen Zeit des Öfteren

    deutsche Radschloss-Büchsen auf türkische Musketenläufe aus den Wiener Türkenbelagerungen

    umgerüstet. Müsste ich spekulieren würde ich sagen, dass diverse adelige Heerführer ihre Jagdbüchsen

    auf leichter zu ladende Glattläufer umbauen ließen. ....

    Läufe aus Damast-Stahl waren bei gleicher Haltbarkeit deutlich leichter als die sonst üblichen, über einer Schiene geschmiedeten Läufe. Bei Jagdwaffen war (und ist) das Gewicht nicht unwesentlich. Hinzu kamen mit Sicherheit auch "Gesichtspunkte" bzw. "optische Gründe". Ein Damastlauf sieht nun mal deutlich besser aus als ein stinknormaler geschmiedeter Lauf.

    Das charakteristische Muster auf Damaststahl kommt übrigens erst nach einem leichten Anätzen der Oberfläche zum Vorschein.

  • Danke, sammler !

    Wobei es mit etwas wundert, dass ein Damast FLINTEN-Lauf leichter sein soll als ein geschmiedeter FLINTEN-Lauf.

    Für einen Büchsenlauf im Vergleich zu Flintenläufen ist mir das schon klar, nicht aber, woher ein Gewichtsunterschied bei

    weitgehend gleicher Materialstärke (Flintenläufe) und gleichem Metall herkommen soll.


    Egal - nachdem das Gute Stück doch außergewöhnlich ist, und noch ein paar Fotos verfügbar sind, anbei noch ein bisschen Genuss

    für's Auge.


    Das Gewehr stammt übrigens aus der Sammlung von Clay Bedford, und es gibt ein zweites, sehr ähnliches Exemplar in der Sammlung

    von John Rothschild im Waddesdon Manor (Museum). Dass für das gezeigte Exemplar knapp US$ 60.000,- verlangt wurden, erscheint mir

    angesichts des Alters, der Verarbeitung und des Zustands nicht wirklich übertrieben.


    besten Gruß

    WernerNRM010.jpg


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    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.