Nur um sie 'mal gesehen zu haben...

  • Es gibt auch recht merkwürdige Exemplare von Revolvergewehren,

    die nur auf den ersten Blick unscheinbar wirken.


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    Hübsche Colt Root Rifle Replika, möchte man auf den ersten Blick

    vielleicht denken, ist aber nicht ganz so.

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    Es handelt sich um ein Original, von einem der ersten Sammler von

    Colt Waffen: Captain John R. Hegeman, enger Freund von Samuel Colt,

    Nachbar und Freund von William F. Cody "Buffalo Bill". Für mich zudem

    ein Mysterium, da von ihm -auf die Schnelle - keine zuverlässigen Daten

    zu finden sind.


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    Zwar finde ich einen John R. Hegeman, 1841 - 1919, einen offenbar

    recht wohlhabenden und politisch sehr aktiven Menschen, bloß ist

    von dem praktisch jeder Besuch auf der Toilette dokumentiert, aber

    eine Freundschaft mit Colt oder Cody wird nirgendwo erwähnt, und

    auch von (s)einer berühmten Waffensammlung ist nirgendwo eine

    Rede.


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    Für jemanden der laut Überlieferung in Colt's Fabrik nach Belieben

    ein- und ausgehen konnte sowie auf Wunsch auch jederzeit eine

    Waffe ohne jede Colt-Stempelung bekam, ist mir das zu dünn.

    Zumal ich mir nicht wirklich vorstellen kann, dass jemand der 1841

    zur Welt kam zum Freund von Samuel Colt werden konnte, mit

    derartigen Befugnissen. Es muss also einen anderen John R. Hegeman

    geben.


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    Diese Root Rifle trägt tatsächlich keinerlei Colt Signatur, abgesehen von

    einer (Serien?-) Nummer am Abzugsrahmen. Die Metallteile wurden

    "neu" brüniert, das allerdings vor mehr als 120 Jahren und im damaligen

    Colt Werk.


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    Auch der Schaft wurde "restauriert", die Verarbeitung soll allerdings

    nicht so prickelnd sein. Auf den Fotos fällt mir zwar nichts gravierendes

    auf, das könnte aber auch bedeuten, dass lediglich die verwendete

    Chemie nicht zum Alter der Waffe passt.


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    Optisch entspricht das Gewehr den Vollschaft-Roots mit 31" langem Lauf, die

    in den Kalibern ..56" und .60" geliefert wurden, die Navy erhielt 200 Stk. in .64".

    Dieses Gewehr ist als Jagd-Büchse deklariert, entspricht aber am ehesten einer

    der genannten Waffen. Die Jagd Flinten der Root hatten meist einen sehr kurzen

    "Halbschaft" und 20 Gauge/.62" Kaliber, die "Karabiner" hatten gar keinen

    Vorderschaft. Die Trommeln waren bei allen mir bekannten Varianten 5schüssig.


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    Zum Renner wurden die Root Rifles ebenso wenig wie die Revolver,

    was eigentlich schade ist, da alle Roots, auch die Revolver, für ihre

    Zeit sehr innovativ waren, und Sam Colt einige der Details wie z.B.

    die Führung der Ladepresse in seine späteren Revolver übernahm.


    CRR007.jpg

    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Zurück zum Ursprung des Threads: Die Eingangs gezeigte Paterson Rifle

    mochte im Vergleich zu anderen Gewehren ihrer Zeit ein Fortschritt sein,

    aber andere Gewehre waren praxistauglich, bei Sam Colt's Gewehr überwogen

    die Kinderkrankheiten. Was er durchaus auch selbst wusste, gewissermaßen

    zeigen diese Waffen seinen Weg auf der Suche nach einem wirklich brauchbaren

    Produkt. Der nächste Versuch entstand noch in seiner Paterson Zeit:


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    Dieses Exemplar gehört einer Gruppe besonderer Raritäten an. Gerade noch erkennbar

    findet man auf dem Schaft einen Inspektions-Stempel der Armee. Den findet man

    insgesamt auf lediglich acht, vielleicht neun Exemplaren, denn das Gewehr wurde zwar

    von der Armee geprüft, aber abgelehnt. Mit ein Grund für den kurz darauf folgenden

    Konkurs von Sam Colt's erster Firma, auch wenn im Gegensatz zur Army die Navy 360

    Exemplare bestellte.


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    Der Trommel-Karabiner war nun sechsschüssig, im Kaliber .52". Insgesamt entstanden

    zwischen 1838 und 1841 rund 950 Stück dieses Gewehrs. Für einen kommerziellen Erfolg

    war es aber nicht nur technisch immer noch zu unausgereift, sondern auch mangels

    effizienter Produktionsanlagen noch zu teuer.


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    Immerhin war dieses Gewehr bereits mit einem außenliegenden Hahn

    ausgestattet, der beim Spannen die Trommel weiterbewegte und arretierte.

    Dass der Hahn in dieser Form im entspannten Zustand das Visier verdeckte,

    spielte in jenen Taten offenbar keine Rolle, diesbezügliche Verbesserungen

    gab es erst rund 20 Jahre später, wirklich durchgesetzt haben sie sich erst

    in der Zeit der Hinterlader Waffen.


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    Auffällig, wenn auch nicht besonders wichtig, ist, dass

    der Laufkeil bei diesem Gewehr mit zwei Schrauben gesichert

    ist - nach dem Motto "Doppelt hält besser". Wofür der Schlitz

    hinter dem Laufkeil gut ist weiß ich nicht, der sitzt zu hpch um

    die Trommelachse zu treffen, eigentlich auf der Höhe der

    Ladepresse, nur hat er mit der offenbar dennoch nichts zu tun.

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    Auch wenn man die Ladepresse als Fortschritt im Vergleich zur Mod. 1

    Version der Paterson Rifle betrachten kann, würde ich sie als eine der

    wesentlichen Schwachstellen des Gewehrs sehen, so wie grundsätzlich

    den Übergang von der Trommel zum Lauf. Nicht nur ist hier wenig Raum,

    um die Waffe im Feld sauber zu halten, vor allem ist es wenig sinnvoll,

    die Ladepresse bei einer sich im Uhrzeigersinn drehenden Trommel

    an der ersten Position nach dem Lauf anzubringen, noch dazu in einem

    Abstand der es nicht erlaubt, eine Kugel einzusetzen. Dazu war es offenbar

    notwendig, die Ladepresse wegzuklappen - ein Gelenk ist erkennbar - aber

    dass man derartiges besser konstruieren kann zeigen die später entstandenen

    Waffen Colts.


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    Dass die Ladepresse ein neues und offenbar erst durch die Erfahrungen

    beim Testen der Waffe angebautes Element der Waffe ist erkennt man daran,

    dass sie die Colt Stempelung teilweise überdeckt. Derartiges wäre dem

    Marketing Genie Sam Colt später niemals passiert.


    CPR105.jpg



    Bei der Trommel vermisst man die Arretierungs - Schlitze. Die wären in dem Fall

    auch nicht besonders sinnvoll, da sie bei den Revolvern mittels dem unter der

    Trommel liegenden Abzug funktionieren. Hier wird die Trommel über eine

    dahinter liegende Scheibe rotiert und fixiert.


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    Jedenfalls ein sehenswertes Exemplar aus Sam Colts - früher - Entwicklungsgeschichte.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Tolle Vorstellung, wie immer Werner!


    Der Schlitz hinter dem Laufkeil ist für die externe Ladepresse vorgesehen.

    waffenforum.gun-forum.de/wcf/attachment/58704/


    Ist eine Gürtel- und Hosenträger-Lösung, scheint aber recht lange verwendet worden zu sein. Übrigens wurde der Schlitz dann später von der Trommleachse aus noch oben verlegt. Der Schlitz schwächt dann nur noch das Laufstück, aber nicht mehr die die Trommelachse.

    bolor-batjargal-screenshot001.jpg


    Hier auf diesem Bild schaut aus dem Schlitz ein kleiner Keil raus. Der Sinn dieses "Platzhalters" erschließt sich mir nicht wirklich. Oder ist es das Loading Tool? Schaut mir aber nicht danach aus. Kann auch nicht sein, die Rifle liegt ja flach auf dem Tisch. Mh, seltsam?!

    Colt_2nd_Paterson_Rifle.jpg


    Lederstrumpf

  • Werner, ich denke die Kugel wird an der unteren Kerbe eingesetzt. Damit das funktioniert, braucht man die obere Kerbe an der Ladepresse. Diese braucht, wie man sieht, nicht ganz so tief ausgeführt zu werden, da sich die Kugel dann ja schon fast bis zur Hälfte in der Kammer befindet.

    Erik - the master of desaster
    Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet (Samuel Langhorne Clemens)

  • Der Schlitz hinter dem Laufkeil ist für die externe Ladepresse vorgesehen.

    Super Hinweis, Lederstrumpf ! Dankeschön.

    Allerdings bedarf das einiger Erklärung! Da muss man ein Wenig wühlen.


    Also zurück zum Model 1 der Paterson Rifle. Ein Exemplar mit wirklich vollständigem Zubehör.

    Was man auf den allerersten Blick gar nicht bemerkt:


    CPR205.jpg


    Wobei Sam Colt auch in dieser seiner Anfangszeit schon ein Gespür für's Detail hatte.

    Oder für's Sparen - der gestempelte Schriftzug ist auf Lauf und Box identisch.


    CPR206.jpg


    Aber ich schweife ab, wir waren beim vollständigen Zubehör des Inhalts dieser Box.


    CPR201.jpg


    Man findet dies von Lederstrumpf erwähnte Ladepresse links oberhalb des Laufs.

    Wobei: Wenn man genau schaut verrät dieses Foto ohnehin schon alles, häufig

    werden solche verräterischen Details aber ignoriert.


    CPR202.jpg


    Damit lasse ich mir aber noch einen Augenblick Zeit. Wenn's zu dem

    Gewehr schon hübsche Fotos gibt, wollen die auch hergezeigt werden.

    Auch als Büchse hat man ein Recht auf seine Eitelkeit.


    CPR203.jpg


    Bei diesem Exemplar handelt es sich um die Seriennummer 126, man findet sie

    auf der Unterseite des Laufs, am Laufkeil, an der Scheibe welche die Trommel

    dreht, an der Schaftkappe, und an der Rückseite beider in diesem Set mitgelieferten

    Trommeln.


    CPR209.jpg


    Neben dem Gewehr, der Ladepresse und der zweiten Trommel beinhaltet das

    Set noch eine Kokille, eine Pulverflasche, das damalige "Multitool" Sowie den

    Setzer für die Zündhütchen. Ob alle diese Teile original sind kann ich nicht sagen,

    da die wie schon im ersten Beitrag erwähnt das Gewehr nur vergleichsweise selten

    mit Holzbox verkauft wurde. Trotzdem geht mir zumindest die Pulverflasche mit den

    8 Auslassöffnungen ab.


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    Die allerletzten Exemplare der Paterson No. 1 Büchse bekamen bereits die

    später auch bei den Revolvern übliche Ausnehmung zum Setzen der Zündhütchen,

    bei diesem Exemplar findet man sie noch nicht.


    CPR210.jpg


    Interessant wäre es zu wissen, wann dieses Exemplar (zuletzt) verkauft wurde, denn

    trotz des guten Zustands war der erzielte Preis bedeutend niedriger (US$ 74.750,-)

    als jener der Eingangs gezeigten Büchse. Die Pulverflasche wird den Unterschied

    von bald $200.000,- und somit den fast vierfachen Preis wohl nicht ausmachen,.


    CPR208.jpg


    Hier zum Abschluss noch einmal deutlicher, was zunächst vielleicht nicht aufgefallen ist.

    Man versuche einmal, die mitgelieferte Ladepresse zu verwenden. Äh - falsche Seite des Gewehrs?

    Das lässt sich ändern.


    CPR207.jpg


    Eben! Nix da falsche Seite. Der Schlitz zum Einsetzen der Ladepresse ist am

    Rahmen nicht vorhanden. Nicht weiter verwunderlich, der Lauf musste zum

    Laden ohnehin abgenommen werden, weshalb die entsprechende Ausnehmung

    nur an der Laufachse zu finden ist. Siehe erstes Foto, wo man den Rahmen ohne

    Lauf sieht.

    Den im vorigen Beitrag beschriebenen Karabiner fertigte Sam Colt übrigens bis

    ca. 1854, also bis zur Produktion der Root Rifle.

    Während Colt's Zwangspause aufgrund des Bankrotts lief die Produktion zunächst

    unter Ehlers, der die Fabrik gekauft hatte, bis 1845 weiter, nachdem Colt's neues

    Werk in Hartford entstanden war, nahm er die Fertigung selbst wieder auf, - wie

    gesagt, bis diese Paterson Rifle durch die Root Rifle ersetzt wurde.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.