Interessante Zwergin

  • Ein Reiz an amerikanischen Waffen liegt darin, dass sie im Gegensatz zur verbreiteten Meinung

    eben nicht weiß Gott wie nobel ausgeführt waren. Die oftmals als "übertrieben verziert" angesehenen

    Waffen waren in der Regel in einem Zeitraum von vielleicht einem Monat, höchstens 'mal zwei Monaten

    gefertigt. Das bedeutet, dass ein erstklassiger Büchsenmacher drüben während seiner Laufbahn viele

    Waffen hergestellt hat, die aufgrund des persönlichen Stils einen hohen Wiedererkennungswert haben.


    Ich kenne europäische Gewehre an denen der Büchsenmacher - da der Kunde außergewöhnliches wollte,

    10 Jahre lang gearbeitet hat. Unbeschreiblich edle Kunstwerke bei denen man sich fragt, wie man Derartiges

    zu jener Zeit überhaupt fertigen konnte, aber wie viele solche Waffen konnte ein Büchsenmacher bei der

    damaligen Lebenserwartung überhaupt herstellen?? Jedenfalls viel zu wenige um einen über sein Schaffen

    hinweg erkennbaren Stil zu zeigen.


    Natürlich gilt das - in beiden Regionen - nicht für die Masse der Waffenschmiede, aber der Vergleich bezieht

    sich bewusst auf die noblen unter den Waffen. Und dieses "nobel" war drüben in Wahrheit sehr tief angesetzt.

    Die Kunst der Waffenschmiede bestand oft darin, Designs die wir heute als übertrieben verziert und

    atemberaubend betrachten buchstäblich nebenbei in ein paar Stunden zu erstellen.


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    Genug geschwafelt. Eigentlich geht es nur um ein kleines Pistölchen. Nüchtern, Gebrauchsgegenstand,

    dennoch durchaus ansprechend verziehrt. Und - obwohl heute echte Rarität, nur ein Exemplar einer

    Pistolenserie die amerikanische Geschichte schreiben sollte.


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    Die Perkussionspistole entstand um 1825, was für sich schon außergewöhnlich ist.

    Kaliber .40", also für einen derartigen Vorderlader-Zwerg nicht ganz klein. Der Lauf

    ist keine 9cm lang, Gewicht vernachlässigbar. Für sich ein schönes Stück, aber keine

    großartige Besonderheit.

    Wäre da nicht...


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    Henry Deringer (jun.) kam 1786 in Easton /PA zur Welt. Sohn des in Deutschland geborenen

    Henry Deringer sen. , ebenfalls Büchsenmacher. Der Junior gründete sein Unternehmen noch

    vor 1810 und war bekannt für die Produktion militärischer Musketen sowie militärische

    Büchsen, die "Common Rifles" von 1814, 1817 und 1819. Zudem fertigte er im Auftrag der

    RegierungTradeguns, Gewehre für den Handel mit Indianern. Durch die erstklassige Qualität

    seiner Arbeit erwarb er einen sehr guten Ruf. Firmensitz war - wie am Schloss oben abzulesen,

    Philadelphia/PA.


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    Diese Pistole ist das erste bekannte Exemplar einer Taschenpistole aus

    Henry Deringers Hand. Noch weit entfernt von der Ausführung, die in den

    1850ern als "Deringer" berühmt werden sollte, ganz unsichtbar ist die

    Verwandtschaft dennoch nicht.


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    Wie später auch die Nachfahren hat die Pistole bereits einen gezogenen Lauf. Und wie die Nachkommen

    sind die Einsen-Beschläge dieser Waffe auch schon mit floralen Gravurmustern versehen. Die nüchterne

    ungeschmückte Ausführung lag Henry Deringer offenbar nicht, auch wenn die Funktionalität uneingeschränkten

    Vorrang hatte. Weshalb wir z.B. auch trotz der geringen Größe ein vollständiges Visier finden.


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    Ansonsten ist die Bauweise noch sehr konventionell. Das sehr kleine Schloss ist

    wie zu der Zeit noch üblich mit vorne liegender Hauptfeder aufgebaut, die Pistole

    ist mit Ladestock versehen.

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    Der achtkantige Lauf ist interessanter Weise unten miteiner Metallschiene versehen,

    ein Detail das man normalerweise bei Halbschaft-Büchsen findet, und bei derartig

    kurzen Läufen sicher nicht benötigt wird. Aberoffenbar erleichtere diese Bauweise die

    stabile Verbindung mit dem Schaft. Speziel lweil - wie es aussieht - der Lauf zwecks

    leichterem Laden aushakbar ist. und die Bauweise frühzeitigen Verschleiß vermeidet.


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    Die Vorderkannte des Schafts ist durch eine aus Nickelsilber gegossenen Nasenkappe

    geschützt, aus dem gleichen material besteht die Ladestock-Halterung, sowie auch die

    Einfassungen für den Kaufkeil.


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    Der Griff ist mit einer Fischhaut versehen und bietet trotz der geringen Größe

    der Pistole den bestmöglichen Halt. Alles in Allem eine sehr gelungene Konstruktion,

    perfekt ausgeführt und dennoch bloß das erste, unausgereifte Exemplar einer

    Entwicklung, deren spätere Exemplare nicht nur durch den Anschlag auf

    Abraham Lincoln Berühmtheit erlangen sollten.

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    Ganz im Gegenteil - Henr Deringer leitete den amerikaweiten - vielleicht globalen - Trend zu

    Taschenpistolen ein, und diese waren so sehr mit seinem Namen verknüpft dass die meisten

    Hersteller ihre Varianten unter ähnlich klingenden Namen bei Einhaltung des Patenrechts und

    Copyrights verkauften, wie "Derringer", "Dehringer", "Berringer" etc, ,


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Moin Werner,

    ich denke mal das schlichtes Design angesagt war. Schließlich war es ja schon Massenware, wenn auch aus einer Manufaktur. Schlicht mit einigen Tupfern, die auch dem persönlichem Bezug entsprechen, sagen mir mehr als eine dekadente Gravur. Obwohl ich diese Kunstwerke durchaus zu schätzen weiß.

    Viele Longrifles bringen das auch gut zum Ausdruck.


    Viele Grüße Breuko

  • Moin Werner,

    ich denke mal das schlichtes Design angesagt war. Schließlich war es ja schon Massenware, wenn auch aus einer Manufaktur. Schlicht mit einigen Tupfern, die auch dem persönlichem Bezug entsprechen, sagen mir mehr als eine dekadente Gravur. Obwohl ich diese Kunstwerke durchaus zu schätzen weiß.

    Viele Longrifles bringen das auch gut zum Ausdruck.

    An diesen Punkten entbrennt eben gerne die Diskussion, Breuko .

    Ich selbst sehe das eher neutral, und ich mag die ganz schlichten Waffen ebenso wie die sehr noblen. Allerdings versuche ich zu vermitteln,

    dass die amerikanischen Waffen die hierzulande gerne einmal als "übertrieben verziert" angesehen werden im Vergleich zu den europäischen Waffen gerne 'mal "dilettantisch schmucklos" waren. Vergleichen wir 'mal ein sehr nobles amerikanisches Gewehr...


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    … mit einem europäischen aus der etwa selben Zeit;


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    Beides grob 200 Jahre alt. Und - sagen wir 'mal so: Das amerikanische Gewehr kann ein talentierter Hobbyist mit etwas Erfahrung ohne Weiteres nachbauen. Es gibt genug Leute die das machen. Beim europäischen Gewehr habe ich nicht 'mal eine Idee wie man das hinkriegen könnte. Zumal

    mit den Mitteln des frühen 19. Jahrhunderts.


    Ob's einem gefällt, - ob man eine solche Waffe, egal welche der beiden . gerne haben würde oder schmucklose bevorzugt, steht auf einem ganz anderen Blatt.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Mir dünkt, die noble doppelläufige Steinschlosswaffe war weniger zum schießen gemacht sonder eher standesgemäßes Accessoir eines Kaisers, Königs wenigstens aber gut betuchtem Adligen. Die war selbst damals schon zu schade um 'einfach so' mit auf die Jagd zu gehen.


    Früher wie heute eint die Besitzer solcher Stücke eine Tatsache: Geld spielt(e) keine Rolle - und dies gute Stück im speziellen dürfte wohl mit Gold aufzuwiegen sein.


    Die 'noble' amerikanischen Rifle dagen leugnet schon auf den ersten Blick nicht wofür sie gemacht und sicherlich auch gebraucht wurde,- was mir gut gefällt. Wem nützt die schönste Frau, ... wenn man sie nicht küssen darf.

    Nähm ich. :sla:

    Et hätt noch immer jot jejange.

    Uralte kölsche Weisheit

  • Was ich mich frage, wie heutzutage Züge in den Lauf kommen, das weiß ich - dazu gibts videos. - Wie haben die das damals d.h. vor 1900 gemacht?

    Auf einen Dorn und kalthämmern wie heute .. son Büchser von damals hat ja auch nicht alle spezialwerkzeuge..

    --
    Landesreferent BDMP Hessen für DP DR SAR - ,dazu BDS, ProLegal und Jäger im HLJV

  • Was ich mich frage, wie heutzutage Züge in den Lauf kommen, das weiß ich - dazu gibts videos. - Wie haben die das damals d.h. vor 1900 gemacht?

    Auf einen Dorn und kalthämmern wie heute .. son Büchser von damals hat ja auch nicht alle spezialwerkzeuge..

    Mit hölzernen "Ziehbänken", die einen Stahlstab durch den Lauf bewegten und so nach 600 - 1.000 Durchgängen einen Zug fertig hatten. Dann wurde die Bank geöffnet, die Walze samt Stahlstange einen Zug weiter gedreht, und das Ganze begann von vorne. ..


    Etwa so …


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Also ich finde ja das "bling-bling" schön fürs Auge, die Doppelbüchse oder -Flinte gefällt mir unheimlich gut. Genauso finde ich die fast schon mit Details und Verzierungen überladenen Radschloßbüchsen unheimlich faszinierend. Dabei kann ich nichtmal sagen warum, oder besser gesagt was mir mehr gefällt, die pure Pracht oder die Tatsache das dahinter meisterliches, handwerkliches Können gepaart mit unzähligen Arbeitsstunden.


    Ich vermute Mal das man in Amerika einfach pragmatischer war, was meines Erachtens nach daher rührt dass man, im Gegensatz zu Europa ja keinen Adel und auch diesen ganzen Protz und Prunk nicht hatte. Wer wohlhabend war zeigte dies vielleicht in der Art des Gewehres welches Greenhorn vorgestellt hat, trotz der Verzierungen bleibt es ein Gebrauchsgegenstand und kein Schmuckstück oder Sammlungsobjekt das zur zum zeigen gebaut wurde.


    Manchmal würde man sich doch wünschen das die Sachen reden könnten, da wäre zwar gewiss auch grausames dabei, aber interessant alle Mal... der Gedanke kommt mir auch immer wieder wenn ich bei uns im Wald an dicken uralten Eichen vorbeikomme... was die wohl erlebt haben ?

  • Was ich meine mitbekommen zu haben, ist, dass viele der erhaltenen Büchsen aus der Golden Age Zeit durchaus auch Repräsentationsobjekte waren, im Gegensatz zu den Barn Rifles, die sich kaum erhalten haben.

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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.

  • Man sollte bei aller Diskussion über Repräsentationsstücke und Gebrauchswaffen nie die jeweilige Mode vergessen, die auch die Verzierung der Waffen bestimmt hat. Im Barock (auch im Spätbarock) waren andere Verzierungen üblich als z.B. im Klassizismus oder im Empire. Dazu komme landesspezifische Moden.

    All das bestimmte auch den an Waffen zu findenden Schmuck.

    Bei europäischen Waffen kommt noch hinzu, dass sich reich verzierte Waffen in Museen und Kunstkammern besser erhalten haben als z.B. Gebrauchswaffen, die in Krisensituationen oft beschlagnahmt und zerstört wurden, wie z.B. nach 1945, als alle Arten von Schusswaffen (selbst Perkussionswaffen) abzuliefern waren.

  • Ich vermute Mal das man in Amerika einfach pragmatischer war, was meines Erachtens nach daher rührt dass man, im Gegensatz zu Europa ja keinen Adel und auch diesen ganzen Protz und Prunk nicht hatte.

    Jein! Am Adel bzw. nicht vorhandenen Adel lag's zunächst nicht. Man sollte nicht vergessen: Die erste SIEDLERgeneration in der Neuen Welt ist VERHUNGERT! Weil sie - um 1610!!! ÜBERZIVILISIERT war (was man sich 'mal auf der Zunge zergehen lassen muss! Man war es gewohnt, in jedem Dorf einen Bäcker zu haben, einen Schmied, einen Metzger, einen Schuster, einen Schneider... plötzlich brauchte man all diese Fähigkeiten selbst, quasi in der eigenen Person. Und das Land war ein europagroßer Wald, Feldbau war nicht, da hätte der Wald zunächst - mit damaligen Mitteln - gerodet werden müssen. Entsprechend: Nahrung war Fleisch. Fleisch brauchte Gewehre zur Jagd. Nicht umsonst waren die Amerikaner in der Kolonialzeit und bis ins 19. Jahrhundert die besten Schützen weltweit. Nicht weil sie so großartig toll talentiert waren, sondern weil sie tagtäglich schossen, zum Zweck ihren Hunger zu stillen. Nicht treffen bedeutete Hunger. Und täglich schießen bedeutet geübt sein. Das gab es in dieser Form sonst nirgendwo. speziell nicht in dieser Dichte. Wenn der Jäger in Europa am Sonntag nicht traf, ging er halt ins Wirtshaus, - "nächste Woche wird's schon klappen...". Und die Heere exerzierten mehr als sie das Schießen trainierten.


    Wenn diese Bedingungen anderswo auf der Welt geherrscht hätten, wären eben dort die "besten Schützen" entstanden. Und auch die heutige oft nervende Einmischungs-Sucht der Amerikaner hat ihren Ursprung in dieser Zeit. Das damals überlebensnotwendige "Was du nicht selbst machst, wird auch nicht passieren!" hat sich tief in den Charakter eingebrannt. Was zwar so manches nicht besser macht, aber es lässt sich besser verstehen.


    Was ich meine mitbekommen zu haben, ist, dass viele der erhaltenen Büchsen aus der Golden Age Zeit durchaus auch Repräsentationsobjekte waren, im Gegensatz zu den Barn Rifles, die sich kaum erhalten haben.

    Auch "Jein". Denn "Repräsentationsobjekt" widerspricht nicht dem Gebrauchsgegenstand. Die Barnguns der Bauern waren tatsächlich Werkzeug, das eben auch verbraucht wurde. Sie waren nicht besonders haltbar aufgebaut, die Beschläge waren nicht nur ungeschmückt, sie fehlten oft völlig, womit das Holz ungeschützt und somit dem Verschleiß preisgegeben war.


    Im Grenzland wurden die Menschen nach den Waffen, die sie trugen, beurteilt. Zu repräsentieren war oft eine Frage des Überlebens - damit kam man zu einem Dialog oder wenigstens einer Konfrontation, statt gleich aus dem Hinterhalt "erledigt" zu werden. Für einen Gefangenen mit einer noblen Waffe ließ sich Lösegeld erpressen. Der war lebend mehr Wert als tot. Oder - wenn er sich durchsetzte und man ihn mehrmals traf, war er gut - und wurde nicht zuletzt aufgrund seiner Waffe - von der man in seinem Umfeld erzählte - wiedererkannt. Dass man das Gewehr dann auch zur Nahrungsbeschaffung nutzte war nur logisch, dazu hätte aber ein weniger nobles auch gereicht.


    Was zudem vernachlässigt wird: Die wichtigen Kunden waren die Indianer selbst. Nicht nur weil sie in Gold bezahlten, sondern weil ihre Zahl noch entsprechend groß war. Und - Häuptlinge und hochrangige Krieger repräsentierten ebenfalls mit noblen Waffen. Mit denen sie auch besser trafen als der einfache Krieger mit seiner glattläufigen Tradegun. Was wiederum gut für's Prestige war. Die Natives besaßen damals im Vergleich zu den Weißen ein Mehrfaches an Waffen. Was in erhaltenen Dokumenten Beschwerdeschreiben, Warnungen, aber auch Verkaufsberichte und Forderungen von Indianern für Änderungen an der "Handelsware" ab bereits 1620 gut dokumentiert ist.

    Oder in kurz: "Repräsentationsobjekt" stimmt, hatte aber nur in Ausnahmefällen die Bedeutung von "Wallhanger" sondern war eben repräsentierender Gebrauchsgegenstand.


    Was in anderen Bereichen und etwas anderer Form bis heute unverändert geblieben ist. Am Schrottplatz finde ich weit mehr "Gölfe" als "Mercedes", aber nicht weil letztere "Garagenparker" sind, im Gegenteil, die haben oft eine weit höhere Kilometerleistung am Buckel. Aber man will sie eben eher erhalten. :saint:


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Wer sich für Literatur zum Thema "Kentucky Long Rifle" interessiert, sollte hier mal reinschauen. Im Shop gibt es einige interessante Bücher zu kaufen, die man sonst kaum im deutschsprachigen Raum sieht.

  • Der


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    ist ein bisschen merkwürdig. Verkauft wird er als ein von Henry Deringer

    produziertes Original. Nur - die waren im Gegensatz zu dieser Pistole

    eigentlich signiert. Ansonsten stimmt aber alles, und - jene Mitbewerber

    die in dieser Qualität arbeiteten - z.B. John Wurfflein - signierten ihre Pistolen

    auch. Somit ist bei diesem Exemplar jedenfalls irgendetwas ungewöhnlich,.


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    Egal - die Pistole, Kopie oder nicht, zeigt wohin Henry Deringer seine

    Vorstellungen entwickelte, nachdem er die im Eingangsbeitrag zu dem

    Thread gezeigte Pistole auf den Markt gebracht hatte.

    HDE1003.jpg


    Die Pistole wurde nochmals beachtlich kleiner, das Schloss

    war praktisch schon in den Griff integriert, mit hinten

    liegender Hauptfeder. Derartiges konnte man fast schon

    in der geschlossenen Faust tragen, wenigstens aber

    ausreichend gut verbergen.


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    5cm langer Lauf, Gesamtlänge vielleicht 12cm. Aber der gezogene Lauf

    hat immerhin Kaliber .41". Warum man sich besser nicht vor eine solche

    Zwergin stellt zeigt das Schicksal von Abraham Lincoln.


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    Ansonsten die bekannte und gewohnte Bauweise. Beschläge aus

    Nickelsilber, sowohl die Stahlteile als auch das Nickelsilber graviert,

    eingefasster Laufkeil, vollständige Visierung, Fischhaut.


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    Die Form in ihrer Gesamtheit entspricht der Arbeit von Henry Deringer, bei der Formgebung der

    Beschläge bin ich bin ich da nicht so sicher - speziell fehlt mir das gewohnte Wappen

    am Griff hinter dem Lauf, die Form des Inlays bei diesem Exemplar ist etwas seltsam,

    und hat ebenso wie die Gravur das Wort "Symmetrie" noch nie gehört.


    HDE1007.jpg


    Ob das bei der Geringen Größe der Waffe allerdings auffällt, oder nur bei

    Fotos die beim entsprechenden Bildschirm eine 2:1 Vergrößerung

    anzeigen sein dahingestellt.


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    Auch die Fischhaut, wie sie mir von Henry Deringer in Erinnerung ist

    (bzw. man sie an seinen mir bekannten signierten Pistolen sehen kann),

    sieht anders aus. Aber wer weiß schon genau, wie das bei Versuchen zu

    neuen Chargen, eventuellen Prototypen etc. lief. Und - genaugenommen

    überwiegen bei einem Vergleich mit bekannten Originalen die

    Gemeinsamkeiten



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    Attraktiv ist die kleine auf jedem Fall. und auch wenn nur

    zwölf cm Lang hat die Zwergin scharfe Krallen die man nicht

    unterschätzen sollte. In dieser Form sicher ein Stück das in

    jeder Vorderlader Sammlung Beachtung finden würde.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Mit einer ähnlichen Pistole wurde Abraham Lincoln erschossen...

    Erik - the master of desaster
    Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet (Samuel Langhorne Clemens)

  • Zum Vergleich ein Exemplar das über Zweifel erhaben ist.

    Allerdings mit ca. 15mm längerem Lauf und im Kaliber.46".


    HDE2001.jpg


    Man sieht: wirklich groß ist der unterschied nicht, dennoch

    ist die Arbeit offenbar etwas präziser ausgeführt.


    HDE2002.jpg

    Und Henry Deringers Stempelung ist sichtbar, sowohl

    am Schloss als auch am Lauf.


    HDE2007.jpg


    Fast schon "pervers", nachdem wir das Thema gerade hatten:

    Diese Zwergin ist mit einer Patchbox - genauer Capbox -

    ausgestattet, an der Unterseite des Griffs.

    HDE2006.jpg


    Wenn man da eine Pulverladung und eine Kugel 'reinkriegte,

    konnte man den Lauf abnehmen, die Pistole wie auf dem Bild

    umdrehen, Capbox öffnen, Mündung dranhalten, und Pulver

    samt Kugel positionieren. Zumindest theoretisch. Das Pulver

    rieselte ohnehin den Lauf 'runter, die Kugel musste man halt

    noch setzen. Ob das tatsächlich so gedacht und auch praktikabel

    war, sei dahingestellt.


    HDE2003.jpg

    Ansonsten ist auch hier alles wie gewohnt: Holz, Eisen, Nickelsilber -

    manchmal auch echtes Silber, Gravur. Das zu der Zeit kleinstmögliche

    noch wirksame Format. Das Wappen bei diesem Exemplar hat die

    übliche Form und ist auch korrekter eingelassen, und besser graviert.


    HDE2004.jpg


    HDE2005.jpgDie Geschichten die solche Zwerginnen erzählen könnten sind zwar

    eher nicht so heroisch wie jene von Rifles welche im Grenzland

    eingesetzt worden waren, nichtsdestoweniger erzählen auch die

    von (vielleicht oft un-) menschlichen Schicksalen in einer wilden Zeit.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Irgendwie belustigend bei diesen kleinen Dingern, deren Verwendungszweck doch überwiegend

    "aus der Hüfte über die Entfernung einer Spieltischbreite"

    gewesen sein dürfte, finde ich die doch recht sorgfältige Ausarbeitung von Kimme und Korn.


    Ich kann mir irgendwie nicht richtig vorstellen, daß damit tatsächlich "gezielt" wurde - oder sehe ich das falsch ?

    Jeszcze Polska nie umarła, kiedy my żyjemy.

  • aus der Hüfte über die Entfernung einer Spieltischbreite

    Ich war erstaunt wie gut ich mit meinem Philadelphia Derringer .45 auf 15m treffe, da willst Du nicht stehen ::c.o.l) Dank dieser sorgfältigen Ausarbeitung :)

    Aus der Hüfte am Pokertisch hilft auch "Little Joe" - siehe Avatar ;)

    Gruss, Alex


    DSU, DSB, FWR, NRA, GRA

  • Ich kann mir irgendwie nicht richtig vorstellen, daß damit tatsächlich "gezielt" wurde - oder sehe ich das falsch ?

    'Prinzipiell siehst Du das sehr richtig, Captain Cat . Bloß kommen da vielleicht zwei bis drei zusätzliche Faktoren dazu:

    * Henry Deringer war ein ausgezeichneter Büchsenmacher, der Scharfschützen-Gewehre für das Militär gebaut hatte, Trade-Rifles für den Fellhandel und mehr.

    Er war Kimme und Korn gewohnt.

    * Deringer hatte Vertrauen in seine Arbeit und er wusste, dass diese Pistolen auch auf größere Distanz trafen.

    * Vielleicht dachte er ähnlich wie: "Kimme und Korn sind für mich kein Aufwand. 99% der Kunden werden das Visier nicht brauchen, aber warum soll ich dem Einen, der damit umgehen kann, die Chance nehmen indem ich es weglasse?"

    Was nur dahinfantasiert ist, aber andererseits findet man derartige Gedanken bei den wirklich guten Handwerkern erstaunlich oft.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • So wie Samuel Colts Name zum allgemeingültigen Synonym

    für Revolver wurde, steht Henry Deringer's Name bis heute

    für Taschenpistolen.

    HDEB01.JPG

    Und das, obwohl Deringers "Pistölchen" erst in den 1850er Jahren

    bekannt und berühmt wurden, zu einem Zeitpunkt also, als Henry

    Deringer das 60. Lebensjahr bereits überschritten hatte und

    schon gut 40 Jahre Waffenschmied war.


    Hunderte Waffenschmiede, vom Einzelunternehmen bis zu nahmhaften

    Herstellern wie Colt, Sharps und Remington sprangen auf den Zug auf

    und begannen mit der Herstellung von Taschenpistolen. Teils tatsächlich

    100%ige Kopien des Originals, teils völlig andere Konzepte bis hin zum

    mehrschüssigen Hinterlader, wo man "nur" von Deringers Namen profitieren

    wollte.


    Henry Deringer strengte mehrere - eher viele - Prozesse gegen die

    nicht autorisierten Kopien seiner Waffen sowie die Nutzung seines

    Namens an.

    Bemerkenswert dabei; Nie klagte er die Wurffleins, die ebenfalls in Philadelphia

    ansässig waren.


    Andrew Wurfflein dürfte 1832 von Deutschland nach Amerika ausgewandert sein,

    bereits als ausgebildeter Büchsenmacher. Er siedelte sich wie gesagt in Philadelphia/PA

    an und gründete sein Waffengeschäft.

    WUB001.JPG


    1844 folgte ihm sein Bruder Hans - nun John - Wurfflein, 1847 kann Andrew

    Wurffleins Sohn William zur Welt, der ebenfalls Büchsenmacher werden sollte.


    WUB002.JPG


    Manche Quellen behaupten, dass Andrew Wurfflein einige Zeit lang Werkleiter bei Henry Deringer war

    Bestätigung dafür habe ich aber noch keine gefunden. Wie dem auch sein, die Wurffleins bauten

    Taschenpistolen die sich von jenen Deringers wenig bis gar nicht unterschieden.

    Hier ein Exemplar von John Wurfflein...


    WU101.jpg

    WU102.jpg

    WU103.jpg

    ...das in seiner Ausführung und Form - mit Ladestock - eher an Henry

    Deringers Pistole aus dem Jahr 1825 erinnert,

    sowie ein "Peanut Deringer" von Andrew Wurfflein, mit gerade inmal

    1.25" langem Lauf!


    WU001.jpg

    WU002.jpgWU003.jpg

    WU004.jpg

    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Eine der unausgesprochenen Grundregeln unseres Hobbies:

    Man darf nie glauben, alles zu kennen.

    An die Existenz der folgenden Zwergin(nen) hätte ich im Traum nie gedacht.

    Leider gibt es nur 6 Fotos, was für ein Pärchen reichlich wenig ist. Sehenswert

    sind sie aber allemal:


    HDE3002.jpg

    Ihr seht einen originalen Philadelphia Deringer aus der Produktion von Henry Deringer selbst,

    Allerdings wurde bei diesem Paar auf den Holzschaft verzichtet, und stattdessen ein Schaft aus

    Sterling Silber gegossen.


    HDE3001.jpg

    Natürlich gibt es keinen Beweis dafür, dass es sich tatsächlich um

    Einzelstücke handelt. Niemand weiß ganz genau was sich alles in

    privatem Familienbesitz befindet. Jedenfalls aber sind das die einzigen

    bekannten Philadelphia Deringer Pistolen mit Silber Schaft. Sieht man

    dementsprechend nicht oft.


    HDE3003.jpg

    Der Lauf ist wie von Henry Deringer gewohnt gezogen, und gerade einmal 3,2cm lang,

    Kaliber .36", vollständiges Visier. Beim gezeigten Exemplar dürfte die hintere Befestigungsschraube

    des Abzugsrahmens vor langer Zeit verloren worden sein, zwar ist sie alt, aber die einzige Schraube

    deren Kopf nicht graviert ist.


    HDE3004.jpg

    Der Lauf ist wie bei fast allen originalen Deringers rund, mit

    abgeflachtem "Steg" an der Oberseite. Die lange, aushakbare

    Schwanzschraube mit Pulverkammer und Zündkanal zeigt

    die korrekte Deringer Stempelung.


    HDE3005.jpg

    Die sehr fein gearbbeitete (Punkt-) Gravur findet man nicht auf

    vielen Deringer Pistolen, nachdem diese Exemplare aber ohnehin

    etwas wirklich Besonderes sind kann das nicht verwundern.


    HDE3006.jpg

    Das Pärchen wurde 2009 für US$ 10.350,- versteigert. Genaugenommen

    ein Geschenk, aber offenbar ist das Interesse an dieser Form von Raritäten

    damals noch recht gering gewesen.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.