Patchboxes

  • dieser Fachdeckel nach meiner Kenntnis auch noch aus Plastik ist, oder erik_fridjoffson irre ich mich ?

    Da irrst Du Dich, das ist solider Messingguss

    Nach meinem Wissen haben die Belgier bis weit ins 20. Jahrhundert Vorderladerflinten für Kolonien oder "Primitive" hergestellt und verkauft. Warum also nicht bei einer Wiederauflage auf die bewährten Muster zurückgreifen?

    Das stimmt, das ist eine Vogelflinte für indigene Völker, z. B. am Amazonas. Es war so, das von den Kolonialherren Waffen in 3 Stufen in den Kolonien erlaubt waren. Stufe 1 war das modernste für das eigene Militär, Stufe 2 waren ältere Patronenwaffen wie Repetierer oder Einzellader für Hilfstruppen die aus dem Land stammen, Stufe 3 sind veraltete Waffen für Indigene um Aufstände zu unterbinden....


    Diese Vogelflinten, also einläufige VL-Gewehre wurden bis in die späten 50gern an Indigene verkauft, die Restbestände wurden dann in den 70gern auf Waffenbörsen bei uns verkauft

    Erik - the master of desaster
    Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet (Samuel Langhorne Clemens)

  • Den Beginn des sogenannten "Golden Age" der amerikanischen Longrifle setze ich

    bevorzugt in der Gegend um 1783 an. In der Kolonialzeit und erst recht während des

    Unabhängigkeitskrieges wurden Büchsenmacher durch die Briten hingerichtet, wenn auch

    nur der geringste Verdacht bestand, dass sie ohne Genehmigung oder gar für die

    Revolutionäre arbeiteten. Umgekehrt aber war der Bedarf der Revolutionäre an Büchsen

    in Kriegszeiten entsprechend groß. Keine Atmosphäre für entspanntes Arbeiten, somit auch

    keine Atmosphäre für ein "Golden Age", auch wenn es offiziell gerne mit einem Beginn um

    1770 angesetzt wird.

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    Ab 1883 (Frieden von Paris), vielleicht schon ab 1781 (Niederlage Cornwalls, Beendigung

    offensiver britischer Aktivitäten in Amerika) hatten die Waffenschmiede weit mehr

    innere Ruhe, um sich ein wenig mehr mit künstlerischen Details an ihrer Arbeit zu befassen.


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    Was dann zu etwas verspielteren Formen führte, sowie auch zu

    detaillierteren Gravuren. Bei weitem nicht in dem Ausmaß dass bei

    noblen europäischen Gewehren üblich war, in der Neuen Welt waren

    keine "Sonntagsgewehre für Adelige" gefragt, sondern immer noch

    Gebrauchswaffen.


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    Dennoch entstand zwischen den Büchsenmachern eine - meist freundschaftliche -

    Rivalität bezüglich der Herstellung der nicht nur präziseren und angenehm zu

    handhabenden, sondern auch der schöneren Gewehre. Das dazu nötige Können

    war vorhanden, zahlungskräftige Kunden meist ebenfalls.


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    Denn für Frontiersmen war der Besitz eines noblen Gewehrs mitunter eine halbe

    Lebensversicherung, da es häufiger Respekt - und damit Vermeidung von

    Feindseligkeiten - bewirkte als das Gegenteil, nämlich die Waffe zu stehlen und

    den Besitzer zu beseitigen. Es kam nicht gut an, wenn man mit einem Gewehr

    herumspazierte von dem praktisch jeder wusste, wem es gehört oder gehört

    hatte.


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    Bezüglich der Technik der Herstellung und des Einbaus von

    Patchboxes gab es keine Probleme mehr. Die Lösungen waren

    soweit bekannt, und man war kreativ genug um mit den Möglichkeiten

    zu spielen. Wie aufwändig man das machte, hing nicht zuletzt vom

    Kunden ab. Nicht nur von dessen Zahlungswilligkeit, sondern auch von

    seinem Prestige. Berühmtheiten baut man kein hässliches Gewehr.


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    Insofern bewegt man sich hier tatsächlich in einer Art

    romanhafter Scheinwelt, die aber ausreichend ernst genommen

    wurde um die Waffenschmiede auch zu einer künstlerisch beachtlichen

    Arbeit zu motivieren. Meist ohne dabei in die Verspieltheit zu verfallen

    welche bei den Arbeiten für europäische Adelige häufig zu beobachten

    ist - und von diesen in Europa auch gefordert wurde.


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    Jede der Longrifle-Schulen hatte ihre bevorzugten Formen, es

    gab - wie überall - Büchsenmacher die Trends setzten, und andere

    die Trends folgten. Mitunter sind die Formen einander dermaßen

    ähnlich dass man vermuten kann, dass auch mit Patchbox-

    Rohlingen gehandelt wurden, manche Büchsenmacher diese Rohlinge

    einfach fertig kauften und verbauten.


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    Es gibt erhaltene Longrifles an denen Patchboxes mit aufwändigen

    Formen montiert sind, die aber nie einen Gravier-Stichel gesehen

    haben, ich glaube nicht, dass ein Büchsenmacher Boxes mit den

    gezeigten Konturen selbst fertigte, dann aber auf eine Gravur

    gänzlich verzichtete. Ausschließen kann ich's aber nicht.


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    Auch wenn man diese Formen mitunter auch bei Gewehren findet,

    die in den 1850er Jahren gefertigt wurden, ab etwa 1810 begannen

    sie an Bedeutung zu verlieren, ab 1820 begannen sie, nicht Standard

    sondern Besonderheit zu sein. Zwar waren Pachboxes bei guten

    Gewehren immer noch die Norm, aber die Formen wurden einfacher,

    der Aufwand wieder geringer. Die Nachfrage an Gewehren wuchs mit

    der rasanten Zunahme der Bevölkerung, die Konkurrenz durch

    beginnende - noch händische aber doch "Massenproduktion" wuchs.

    Man war besser dran, wenn man eine Stunde weniger gravierte,

    feilte oder polierte und stattdessen die Arbeit an einem neuen Gewehr

    begann. Womit das Ende des "Golden Age" der Longrifle eingeleitet wurde.


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    Besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Die Welt (nicht nur) der Büchsenmacher änderte sich ständig. Entsprechend ist

    es zu einfach, das Ende des "Golden Age" der Longrifle auf einen bestimmten

    Zeitpunkt festzulegen. Der Übergang zur nächsten Phase der Waffenentwicklung

    war fließend. Auch in den 1820er Jahren wurde die überwiegende Mehrzahl der

    Gewehre noch einzeln und in Handarbeit hergestellt, einige der nobelsten erhaltenen

    Longrifles entstanden in dieser Zeit. Dennoch: Die klaren Linien der Schulen

    begannen sich zu vermischen, der große Bedarf an Gewehren zwang zu schnellerer

    Fertigung, die beginnende Konkurrenz durch maschinelle Fertigungsmethoden engten

    ließen wenig Spielraum für künstlerischen Wettbewerb.


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    Was auf den ersten Blick nicht wirklich auffällt. Dennoch: die Formen wurden nüchterner. Die

    Liniengravuren machten den Büchsenmachern wenig Arbeit, da konnte man sich austoben. Aber

    die "dreidimensionalen" Schaftverschneidungen verschwanden langsam, dafür kamen die recht

    schnell erledigten eingeschnittenen Linien wieder zurück, die "Fischhaut" wurde auch in Amerika

    entdeckt, all dies beeinflusste auch das Patchbox Design. Ganz abgesehen von rein modischen

    Trends wie dem Abstand zwischen Patchbox-Deckel und den Seitenteilen.


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    Patchboxes waren nach wie vor gefragt, immerhin erlaubte sie die Verwahrung

    des Kleinkrams den man individuell für wichtig genug betrachtete um ihn ständig

    bei der Hand zu haben, seinen es Pflaster, Feuersteine, ein Döschen mit Fett,
    Kugeln oder Kugelzieher. Betrachtet man die Patchbox für sich, fällt die Entwicklung

    zu einer neuen Nüchternheit daher zunächst nicht intensiv auf.


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    Im Gegenteil: Im Vergleich zum Gesamteindruck des Gewehrs wirkt sie mitunter

    wie die letzte verbliebene noble Komponente an der Waffe, selbst wenn sie nicht

    mehr ganz so verspielt aussah wie noch 10 Jahre zuvor.


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    An der eigentlichen Konstruktion änderte sich nichts. Form und

    Größe des Behältnisses blieben unverändert, auch die Varianten

    des Öffnungsmechanismus waren wie gewohnt,



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    Und - ebenfalls wie gewohnt - bestätigten Ausnahmen und Individualismus

    die Regel. Wie bei der unten gezeigten "verkehrten" Box, mit Befestigung

    hinten und Deckel vorne am Kolben. Kein Nachbau sondern ein erhaltenes

    grob 180 Jahre altes Original.


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    Wobei sich der Trend zur "neuen Nüchternheit" schleichend aber

    Kontinuierlich fortsetzte. Mag es auf den ersten Blick gar nicht so

    wehr auffallen aber - zumindest bei der "Massenware" wurde nun

    auch zunehmend auf die Gravur der Patchbox verzichtet, oder

    zumindest nur mehr minimal ausgeführt.


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    Funktionalität war entscheidend, die Optik rückte in den

    Hintergrund. Das "Golden Age" hat sein Ende nun auch

    optisch gefunden, ein neuer Stil, der nichts mehr auf

    lokalen Schulen basiert, hat sich durchgesetzt.


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    Während die beiden letzten Fotos gut gearbeitete Nachbauten zeigen,

    zum Abschluss noch einmal ein Original aus den 1820ern. Ein paar

    zarte, lediglich die Kontur betonende Gravurlinien, die Seitenteile der

    Box nur aufgenagelt, und das war's schon. Warum auch, ihre Funktion

    erfüllt die Box um nichts schlechter als die noblen Varianten der

    vorhergehenden Jahrzehnte.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • In den 1830er Jahren wurde die Patchbox zunehmend Rarität. Eine Sache für Spezialisten.

    Wobei die Zahl der Kunden, die eine Patchbox wollten, vermutlich sogar wuchs. Durch die

    Bevölkerungsexplosion in den USA und die entsprechend wachsende Gesamtzahl der

    produzierten Gewehre war sie nun dennoch Ausnahme. Entweder ersatzlos gestrichen,

    oder durch die sogenannte Capbox ersetzt.


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    Der vermutlich wesentlichste Grund für diese Entwicklung war, dass die echte Pionierzeit

    geendet hatte. Immer noch gab es Menschen die über Monate, mitunter auch ein Jahr oder

    mehr, ohne Kontakt zur Zivilisation durch die Wildnis streiften, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung

    waren sie aber bedeutungslos. Sie bildeten den kleinen "elitären" Kundenkreis der Waffenschmiede,

    die noch nach "vollständige" Gewehre verlangten.


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    Der Rest der Menschen lebte mit einer "Basis"

    als Zentrum - und sei es ein Planwagen - musste also nicht alles, was er benötigte auch am Körper

    tragen. Ganz abgesehen davon, dass sich nun das Pferd als Transportmittel durchgesetzt hatte und

    auch die Pioniere entlastete, was Menge und Gewicht an Gegenständen betraf, die man bei der Hand

    haben wollte.


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    Die neuen Capboxes entstanden in Massenfertigung und wurden vom

    Büchsenmacher zugekauft. Die oben genannten Faktoren bezeichne ich

    als "wesentlichsten Grund" weil sie die Nachfrage bestimmten. Auch wenn

    die Massenfertigungs-Industrie noch in den Kinderschuhen Steckte, mit

    Werkzeugmaschinen die durch Wasserräder angetrieben waren etc.,

    produzierten sie was die Masse der Kunden kauen wollte. Wären das

    die althergebrachten Patchboxes gewesen, hätte man eben solche gefertigt,

    technisch hätte das keinen Unterschied gemacht. Es fehlten einfach die

    interessierten Kunden.


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    Zumal notfalls auch eine Capbox einen recht großen Raum bot,

    um nützlichen Kleinkram unterzubringen. Kunde und Büchsenmacher

    hatten die Wahl, je nach Bedarf. Meist wurden die Kleinen Varianten

    mit runder Ausnehmung bevorzugt.


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    Sie bestanden aus Messingguß - seit Beginn des 19. Jahrhunderts war

    man nicht mehr auf den Import von Messing angewiesen - und waren

    meistens zweiteilig, Rahmen und Deckel. Plus einer kleinen Blattfeder

    die den Deckel in offenem oder geschlossenen Zustand fixierte. Der

    50 Jahre zuvor übliche Öffnungsmechanismus entfiel meistens vollständig.


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    Der Büchsenmacher hatte bloß eine Achse sowie die "Verschlussfeder"

    zu montieren, die Box einzusetzen und das Ganze in den Schaft einzusetzen.

    Oftmals dienten diese Boxes mehr als Schmuck denn als in der Praxis

    benutztes Element des Gewehrs. Mitunter wurden diese kleinen Boxes

    auch als Abdeckung eines "Grease Holes" benutzt, aber auch fertig gefettete

    Pflaster fanden immer noch genug Raum. So lange man bloß für den

    Wochenbedarf jagte, kam man mit vielleicht 10 Pflastern jedenfalls aus.



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    Auch wenn die Individualität weitgehend auf der Strecke blieb, ganz verschwunden

    war sie nie. Zum Einen wurden Kundenwünsche selbstverständlich berücksichtigt,

    zum Andern gab es Waffenschmiede - wenn auch nicht viele - die ihre eigenen Formen

    quasi als Markenzeichen benutzten. Das Resultat konnte für die Zeit vergleichsweise nobel

    sein...


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    oder auch simpel und ausschließlich auf Funktionalität ausgelegt.


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    Man darf davon ausgehen, dass jeder Büchsenmacher für seine

    Gewehre Capboxes anbot. Ganz egal ob wir von John und Caleb

    Vincent sprechen, von Sam und Jake Hawken und all den anderen:

    Mögen an den meisten der erhaltenen Originale auch keine Box

    montiert sein, es gibt aber doch auch Exemplare, die inklusive

    Capbox ausgeliefert worden.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.