Hawken

  • Rifles zählen unter Schützen zu den bekanntesten Vorderlader Gewehren,

    wenn sie nicht ohnehin das bekannteste (gezogene) Vorderlader Gewehr sind.


    Verschiedene Markenhersteller versuchten sich schon an Replikas, einige davon

    sind durchaus gut, an das Original kommt aber keines der Markenprodukte

    heran.


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    Was nicht wirklich verwundert, immerhin waren Jacob und Samuel Hawken,

    der Familientradition folgend, keine Fabrikanten sondern echte Büchsenmacher,

    ihre Gewehre Handarbeit, erlernt nicht zuletzt von ihrem Vater Christian, der

    den ursprünglichen Namen seines Vaters Nikolas Hachen in "Hawken" geändert

    hatte. Nikolas war 1750 mit seinem Bruder Wolfgang aus der Schweiz, wo sie das

    Büchsenmacherhandwerk bereits erlernt hatten, in die "Neue Welt" ausgewandert,

    Nikolas hat seine Werkstatt in York County/PA gegründet, Wolfgang in Reading/Berks

    County PA.


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    Christian Hawken arbeitete zeitweise auch in der staatlichen Waffenschmiede

    in Harper's Ferry, die Ähnlichkeit der Hawken Rifle mit der Harpers Ferry

    Mod. 1803 Bückse dürfte kaum ein Zufall sein. Sollte es je Steinschloss Hawken

    Rifles gegeben haben, stammen die mit größter Wahrscheinlichkeit von Christian,

    von seinen Söhnen ist kein Steinschloss-Exemplar bekannt.


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    Die Komponenten der von Jake und Sam gefertigten Büchsen entstammten

    ihrer Werkstatt in Saint Louis. Der Qualitäts-Standard war für die Zeit

    außergewöhnlich hoch und zeigte, dass es einen spürbaren Unteschied macht,

    ob eine Werkzeugmaschine von einem angelernten Arbeiter oder von einem

    Fachmann bedient wird. Und - trotz der gut eingespielten Arbeitsschritte sind

    keine zwei Hawken Rifles völlig identisch. Maschinelle Fertigung auf dem Niveau,

    das beliebig austauschbare Teile erlaubte war für die Beiden kein Thema.


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    Jacob Hawken verstarb 1849, Samuel führte das Geschäft bis 1855 weiter,

    übergab es dann an seinen Sohn William (und diverse Teilhaber), arbeitete

    aber bis 1864 immer wieder in der Werkstatt mit.

    Das gezeigte Gewehr stammt aus der Hand von Sam Hawken, es ist wenigstens

    156 Jahre alt, eventuell bis zu 14 Jahre älter.


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    Ungewöhnlich an diesem Exemplar ist einerseits der gestiftete Abzugsrahmen,

    es war bei den Hawkens quasi Standard, den Abzugsrahmen vorne mit der

    Grundplatte des Stechers zu vernieten, sie hinten mit der Grundplatte des

    Stechers zu verschrauben. Dazu kommt, dass der Lauf lediglich über einen

    einzelnen Laufkeil mit dem Schaft verbunden ist, üblich waren zwei.

    Letztendlich bemühte der Besitzer des Gewehrs den Autor des bekannten Buchs

    "Hawken Rifles, the Mountain Man's choice" John D. Baird mit einer Analyse,

    Baird ist sich zu praktisch 100% sicher, dass es sich um ein eine unveränderte

    späte Arbeit von Samuel Hawken handelt.


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    Nicht nur wegen der Signatur am Lauf, sondern vor Allem weil die Arbeit

    abgesehen von den beiden genannten Details hundertprozentig

    Samuels "Handschrift" entspricht, und auch andere Exemplare, insbsondere

    Hawken Squarrel Rifles, mit lediglich einem Laufkeil auskommen.

    .

    Der Abzugsrahmen ist zwar merkwürdig, ändert aber nichts am Rest, vor Allem

    nicht an den Stempelungen an Schwanzschraube, Kolben-Schutzplatte und

    Schloss sowie der Signatur am Lauf.


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    Auch die Beize des Schafts entspricht jener, die Sam Hawken

    gegen Ende seiner Karriere bevorzugte, eine Art brauner

    Klavierlack der in den USA jener Tage recht verbreitet war.


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    Schade nur, dass zu dem Gewehr keine technischen Daten

    veröffentlicht wurden. Kaliber, Gewicht und Lauflänge hätten

    mich durchaus interessiert. Das ändert aber nichts daran,

    dass diese überlebende Hawken Rifle einfach ein wirklich

    schönes Gewehr aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist.


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    So far.


    Besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Etwas irritierend ist vielleicht meine Behauptung, dass selbst die

    guten Hawken Replikas nicht an die Originale herankommen.

    Nun, Vater Christian - bis zu seinem Tod 1821, sowie Jacob und Sam

    hatten sich da durchaus ein paar Feinheiten ausgedacht, die sowohl

    rein optisch als auch von der Architektur/Technik letztendlich den

    Ruf der Hawken Rifles begründeten.


    Gute Replikas sind Handarbeit, wenn auch aus vorgefertigten Teilen.

    Replika-Herstellern ist der Aufwand zu teuer.


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    Hier ein guter Nachbau. Unterschied zur Massenware? Nicht sichtbar.

    Zumindest nicht auf den ersten Blick. Aber: Alle überlebenden Hawkens

    haben einen leicht konischen Lauf. Unsichtbar, aber sehr gut für die Balance.

    Häufig war der Lauf hinten mit einer Schlüsselweite von 28,6mm (bei Kaliber.54")

    doch sehr mächtig, an der Mündung waren es dann 25.4mm. Klingt nicht nach viel,

    ist auch nicht viel, aber man merkt es eben in der Balance.


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    Reine Optik: Die Hawkens orientierten sich an den noblen britischen Jagdbüchsen der Zeit.

    Und die hatten nicht (wie bei Nachbauten üblich) parallele Schlosspanele, auch nicht - wie

    bei den früheren Longrifles mit geschweiftem Lauf gängig einen sich nach hinten vergrößernden

    Abstand, sondern im Gegenteil, einen sich nach hinten verringernden Abstand. Was dem

    Gewehr eine durchaus sichtbare Eleganz gibt, da die Distanz zum Schafthals nicht so groß wird

    wie bei parallelen Paneelen.


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    Ein zuverlässiges Schloss mit starker Feder, ein Stecher, vervollständigte das Bild,

    die Stahlbeschläge waren einfach, dennoch elegant, und unverwüstlich.

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    Die Backe in dieser Form war in Amerika eher unüblich, in Deutschland

    häufiger, in England - wenn auch vermutlich von deutschen Büchsen

    abgeschaut, bei noblen britischen Büchsen zu der Zeit Standard.


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    Noch ein Wort zu den inneren Werten, zu einem Beispiel

    der Architektur, welche die Hawkens sich ausgedacht hatten:

    Die Komponenten aushakbarer Lauf, Stecher und Abzugsrahmen.

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    Der Abzugsrahmen wurde - mit ganz wenigen Ausnahmen - vorne mit der

    Grundplatte des Abzugs vernietet, hinten verschraubt, deshalb die

    "merkwürdige" Form des Rahmens - ohne Auflagefläche. Die Grundplatte

    des Stechers ist dafür außergewöhnlich lang.


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    Sie wurde nämlich auch mit der Fahne der Schwanzschrauben-Halterung

    verschraubt, und das gleich zweimal. Ein Feature das sonst in Amerika nur

    von Tennessee Rifles bekannt ist. Vorteil: Selbst wenn der Schafthals bricht,

    ist das Gewehr immer noch notdürftig verwendbar. Ohne die zweifache

    Verschraubung hat man zwei Teile in der Hand, die man schmeißen kann.

    Hinten noch die kleine Schraube für den Abzugsrahmen.

    Simpel - aber die Idee muss man eben haben.


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    Besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.