Steinschloss Büchse

  • Zugegeben, es ist nicht ganz einfach zu erkennen, ob eine nachgebaute Longrifle

    etwas einigermaßen Originalgetreues darstellt, und ob die dazu bereitgestellten

    Informationen vernünftig oder total aus der Luft gegriffen sind. Gar nicht selten

    kommt es vor, dass ein Hobbyist irgendwo ein paar Komponenten zusammenkratzt,

    darunter - Hausnummer - eine Patchbox im klassischen Lancaster County Stil,

    und schon spricht der Anbieter von einer "klassischen Lancaster Rifle", obwohl

    das Gewehr genaugenommen nach gar keiner Schule gebaut ist, sondern nur eine

    Sammlung von Komponenten darstellt, die durchaus sehr schön gefertigt sein kann.


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    Deshalb gibt es unter den Büchsenmachern die Vorderlader herstellen solche, die

    erhaltene Originale nachbauen, solche die Schulen studieren und sich an die Regeln der

    Schulen halten, wiederum andere denen die Geschichte weitestgehend egal ist und die

    einfach nur preisgünstige Teile zusammenstellen. Oftmals durchaus gut.

    Für den Käufer ist es dann meist schwierig, die erhältlichen Exemplare einigermaßen

    richtig einzuschätzen. Nachdem meistens auch die schlechtesten noch um Längen hübscher

    sind als jede europäische Stangenware kann man schon Gefahr laufen ein Gewehr zu kaufen,

    das auch nicht weniger Fantasieprodukt ist als eben die angesprochene Stangenware.


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    Das gezeigte Gewehr will eine Virginia Rifle sein. Was durchaus plausibel ist,

    nicht nur weil es DIE typische Virginia Rifle nicht gibt. Virginia war (zwangsläufig)

    von England beeinflusst, auch der Handeln mit englischer Ware dominierte den

    Markt, weshalb an alles, was einen Hauch englischer Flintenarchitektur enthält

    und ein englisches Schloss enthält als "Virginia Rifle" bezeichnen kann, wenn

    man will.


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    Vom Schaft-Umriss orientierte man sich in Virginia an den "bodenständigen" PA-Architekturen, also

    Lancaster und Berks, Avantgardisten a la Northampton/Lehigh, Bucks oder Bedford hatten kaum

    Einfluss. In Virginia war man nicht so sehr auf Messing-Beschläge fixiert wie in PA, dort findet man

    auch in den 1770er Jahren bereits Büchsen mit Eisen-Beschlägen. Zudem waren Nickelsilber und

    auch Sterling-Silber durchaus beliebt. Der Übergang von der Auflagefläche am Kolben zur Oberkante

    war häufig gerundet, wie bei britischen Flinten üblich, die Unterseite flach, ein deutsches Detail. Wobei

    auf das von Jägerbüchsen gewohnte Schutzblech zunächst noch häufig verzichtet wurde.

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    Das in PA längst übliche asymmetrische American Roccoco setzte sich in Virginia nur zögerlich durch,

    zu groß war der Einfluss des klassischen (englischen) Barock. Entsprechend sind Schaftverschneidungen

    speziell an Ober- und Unterseite der Gewehre meist symmetrisch gestaltet, bestenfalls mit zarten

    Andeutungen auf die neue Mode. Die Beschläge durften durchaus auch schon 'mal geschmiedet sein,

    man beschränkte sich nicht auf gegossene Komponenten.


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    Das gezeigte Exemplar ist meiner Meinung nach ein durchaus gelungener und kompetenter

    Nachbau einer Virginia Rifle, mit einer durchaus reizvollen Mischung aus buntgehärteten und

    polierten Beschlägen sowie auch Sterling Silber Beschlägen. Der Büchsenmacher, ein David

    Kuyper, hat sich da schon 'was einfallen lassen. Seine Signatur findet sich auf dem geschweiften,

    44" langen Lauf im Kaliber.54", sowie auch auf dem Deckel der Patchbox.


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    Das große "Queen Anne" Steinschloss findet man meistens auf britischen Flinten der Ära, und eben auf

    Virginia Rifles. Ich kenne es von einer Tradegun und hatte den Eindruck, dass die Hauptfeder noch einen

    Hauch stärker ist als jede der deutschen Schlosse, es entsprechend noch einen Tick schneller zündet als

    die Siler Schlosse, die ebenfalls aus der Hand von Jim Chambers stammen. Vermutlich ist das aber

    Einbildung und hängt mehr von der Ausführung von Zündloch & Co. ab.


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    Die Ausführung der Schloss-Gegenplatte ist etwas "eigenwillig", aber gerade solche Details

    findet man im Süden - somit auch in Virginia - ein Vielfaches häufige als bei den Büchsenmachern

    in PA. Was vermutlich auch daran liegt, dass in PA Schulen entstanden, als Büchsenmacher Lehrlinge

    ausbildeten die sich für das Gewebe interessierten, aber ansonsten keine Beziehung zu dem

    Büchsenmacher hatten auch wenn sie für die Lehrzeit in die Familie des Büchsenmachers aufgenommen

    wurden. Im Süden waren arbeiteten die Büchsenmacher als Familienbetriebe, fremde Lehrlinge waren

    unerwünscht, mit befreundeten (Büchsenmacher-) Familien tauschte man durchaus Erfahrungen aus.


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    Die Mehrzahl der Schützen hierzulande bevorzugt schlichtere Gewehre, ich könnte mich mit einem

    derartigen Ding aber durchaus anfreunden. Irgendwann kommt mir ein solches noch ins Haus!


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.