Wie lange wurden Steinschlossgewehre in Deutschland verwendet?

  • Nach der Erfindung der Perkussionszündung war eigentlich die Schusswaffe mit Steinschloß obsolet. Trotzdem wurden Steinschloßwaffen in großen Mengen noch im amerikanischen Bürgerkrieg eingesetzt, wohl zu Anfang noch von beiden Konfliktparteien.

    Bei Trade-Rifles war das Steinschloss noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet; wenn ich mich recht erinnere hielt sich das Steinschloßgewehr sogar länger als die Perkussionswaffen. Noch in den 1930er Jahren stelle man in Lüttich noch Steinschlosswaffen für die Kolonien her. Auch die Hudson Bay Company hatte lange Steinschlosswaffen im Programm. Wie Werner Greenhorn in Bezug auf "Tradeguns of the Hudson's Bay Company 1670 - 1970" von James Gooding schreibt, verkaufte diese Steinschlosswaffen bis zum ersten Weltkrieg.

    Mit der Einführung des eidgenössischen Scharfschützenstutzers Modell 1851 endete wohl dort die Verwendung von Steinschloßwaffen im Schützenwesen. Die Truppe war bis 1859 mehrheitlich mit glattläufigen, grosskalibrigen Steinschloss-, später Perkussionsgewehren ausgerüstet. Die verschiedenen Standstutzer hatten aber schon früher oft Perkussionszündung, wie eine Waffe aus der Sammlung Beck in Sursee zeigt (http://www.waffensammlung-beck.ch/waffe283.html)

    Die deutschen Schützen waren, wie immer noch, wohl ziemlich traditionsverhaftet. Ich meine irgendwo mitbekommen zu haben, dass Steinschlosswaffen recht lange in Verwendung blieben.


    Hat dazu jemand belegbare Daten, wie lange Steinschlosswaffen im 19. jahrhundert im Schützenwesen benutzt wurden. Oder ist deren Verwendung nie ganz ausgestorben und fand eine Renaissance ab den 1960er jahren?


    Wer kann mir da weiterhelfen?

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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.

  • Kleine Ergänzung dazu zu Perkussionswaffen: Bis in die 60ger hinein wurden Perkussionsflinten für die südamerikanischen indigenen Völker gefertigt. Ich habe eine einläufige extrem leichte Vogelflinte von FAUL (Centaure) Dies war immer in Kolonialgebieten so, das die Ursprungsvölker 2 Stufen schlechter bewaffnet wurden.

    Erik - the master of desaster
    Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet (Samuel Langhorne Clemens)

  • … Hat dazu jemand belegbare Daten, wie lange Steinschlosswaffen im 19. jahrhundert im Schützenwesen benutzt wurden. ...

    "Schützenwesen" ist ein großer Begriff. Aber um in Deutschland zu bleiben:

    Um 1845 geschriebene Bücher über das Schützenwesen (z.B. C.C.Beyer: "Meine Erfahrungen bei dem Scheibenschießen", München 1844, eine Fassung in moderner Schrift ist unter ISBN 978-3-7386-2257-7) erwähnen das Feuerschloß (wie damals das Steinschloss genannt wurde) nicht einmal mehr.

    Auch Im 1862 erschienen Buch von Heinrich Kummer "Der praktische Büchsenschütze" (Neuausgabe in lesbarer Schrift, ISBN 978-3-8482-6429-2) wird das Feuerschloß nicht mehr erwähnt.

    Beim Militär erfolgte die Umstellung vom Feuer- auf das Perkussionsschloss irgendwann zwischen 1830 und 1840.

    In der von Friedrich Gerstäcker verfassten und 1848 erschienenen Broschüre "Schießwaffen - Einige Worte über den Gebrauch der Büchsen und Flinten" wird das Feuerschloß zwar noch erklärt, die Vorteile des Perkussionsschlosses aber betont.


    Faktisch ist das Feuerschloß bei den deutschen Schützen völlig ausgestorben, und kam erst nach 1960 wegen der vorhandenen Repliken n Deutschland wieder in Mode. In den USA waren die Verhältnisse zwar anders, in abgelegenen Gebieten hielt sich das Steinschloss als Gebrauchswaffe noch sehr lange, aber im dortigen Schützenwesen war nach meiner Kenntnis spätestens um 1840 verschwunden.

  • Militärisch war Amerika in der Zeit ca. 5-10 Jahre hinter Europa zurück. Man konnte sich erlauben sich Zeit zu lassen und zu beobachten, und natürlich war das Militär konservativ. Samuel Colt, der Mitte der 1830er Jahre sowohl für Lang- als auch für Kurzwaffen die brauchbare und im Vergleich zum vorhandenen Bestand die allemal deutlich besseren Alternativen anbieten konnte machte - zu dem Zeitpunkt - damit bankrott.

    Die letzte Ausschreibung für eine Steinschloss Muskete tätigte das US Kriegsministerium im Jahr 1840. Die nächste Ausschreibung - Modell 1842 - verlangte bereits Perkussionszündung. Und die meisten Exemplare des Modells 1840 wurden noch vor der Auslieferung an die Truppe auf Perkussion konvertiert.

    Ab 1855 erhielt das US Militär gezogene Perkussionmusketen für Minie Geschoße

    Dass zu Anfang des Bürgerkriegs alles ausgegeben wurde was einen Lauf und einen funktionierenden Zündmechanismus hatte lag schlicht daran, dass die Zahl der eingezogenen wehrfähigen Männer die Zahl der verfügbaren modernen Musketen um ein Vielfaches übertraf.

    In diesem Krieg fielen zwischen 1861 und 1864 mehr Amerikaner als im 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Korea und Vietnam zusammen. Noch einmal so viele Soldaten kamen durch Krankheiten ums Leben.

    Zurück zum Zündmechanismus. Oben die Daten der Amerikaner, in Europa war man ein paar Jahre früher dran. Nur als Anhaltspunkt.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.