Smoothrifle

  • Während man hierzulande bemüht ist, Waffenbesitz möglichst einzuschränken, Waffenbesitzer zu diffamieren und

    möglichst viele Waffen der Vernichtung zuzuführen,

    sind andernorts die Menschen bemüht, Waffen zu erhalten, zu pflegen, sowie ihre Herkunft und Geschichte zu erforschen.

    Was nicht immer ganz einfach ist.

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    Hier eine sogenannte Smoothrifle - Derartiges hatten wir bekanntlich schon öfter 'mal - also ein glattläufiges Gewehr

    das abgesehen davon wie eine Büchse gebaut ist. Also mit Backe ausgestattet, mit vollständigem Visiert, Griffschiene am

    Abzugsrahmen, etc. etc. .


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    Das Gewehr stammt aus dem Besitz der Familie Fincastle in Virginia, heute im Besitz des Scavengeology-Museums,

    einem Museum in Virginia dass sich speziell mit Ausgrabungen, aber auch mit erhaltenen Waffen des 18. und 19.

    Jahrhunderts beschäftigt, deren Vergangenheit erforscht, und die Stücke, nachdem sie einige Zeit ausgestellt waren,

    auch verkauft.

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    Das Gewehr gibt einige Rätsel auf. Dass es aus dem frühen 19. Jahrhundert stammt ist noch einigermaßen

    klar. Zunächst vermutete man eine Herkunft aus dem westlichen Pennsylvania, bis man es den ersten Kennern

    der Materie zeigte, die meinten, das Exemplar ähnelt den Gewehren die im Shenandoa Tal gefertigt wurden.

    Seit letzten Oktober beschäftigt sich auch Wallace Gusler mit der Waffe. Er meint, dass er solche Gewehre aus

    dem Monongahela Tal kennt, und vor ein paar Jahrzehnten eine Exemplar fotografiert hat. Seitdem wühlt er

    in seinem Archiv, noch ist kein Ergebnis bekannt.


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    Aber nicht alles an dem Gewehr ist misteriös, so kann man mit begründeter Sicherheit behaupten, dass es das

    Kaliber .45" hat. ;)

    Der Büchsenmacher welcher das Gewehr gefertigt hat hörte vermutlich auf den Namen "H. Harlton", vielleicht

    auch "Hamilton", aber trotz Signatur wollte man sich noch nicht auf eine definitive Zuordnung einlassen.


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    Jedenfalls ein recht nobel gefertigtes Gewehr, das für sein Alter recht gut erhalten ist. Mit einigen Details - speziell an den Verzierungen,

    die ich so aus Pennsylvania nicht kenne. Was jetzt nicht viel aussagt, exotische Einzelstücke findet man auch "im Norden". Dennoch ist

    der Stil eher typisch für "Southern Rifles", warum also - wenn das soweit gut passt, eine nördlichen Exoten vermuten?


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    Auf den ersten Blick macht das Gewehr einen recht noblen Eindruck, schaut man aber genauer hin fällt doch auf, dass

    der Büchsenmacher offenbar wenig Routine bezüglich der Fertigung edler Gewehre hatte. Die Umrisse der Beschläge

    sowie die Linienführung der Gravuren lassen auf keinen der bekannten Könner schließen. auch wenn das Gewehr

    technisch tadellos gefertigt ist.

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    Wobei die Art der Kombination aus Messingbeschlägen und Silberdraht-Inlays wirklich auf die Arbeit

    eines Lehrlings hindeuten könne. Einfach jede Technik die man erlernen soll unterbringen, egal wie

    sinnvoll oder vom Künstlerischen Zugang ansprechend das nun sein mag. Aber solche Gedanken sind

    reine Spekulation, ohne jede echte Basis.

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    Jedenfalls war die Smoothrifle kein Wallhanger, die sehen anders aus. Die Gebrauchspuren sind deutlich,

    und das Gewehr könnte sicher einiges erzählen. Wovon, darüber lässt sich nur spekulieren, aber man könnte

    an einen der damals häufig zur Fleischversorgung von Siedlungen engagierten Jäger denken. Für die waren

    Glattläufige Gewehre in Büchsenbauweise eine gute Wahl.


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    Jedenfalls bin ich gespannt, ob ich von diesem Gewehr noch höre. Und ich vermute ich bin nicht alleine

    mit der Ansicht, dass der interessiert forschende Zugang zum Thema weit sympathischer ist als die

    hiesige Waffenvernichtungswut.


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    besten Gruß


    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Da hätten wir noch eine:


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    Zu dem Gewehr existiert wenig Information, allerdings kann man sich einiges zusammenreimen.

    Ich nenne das einmal eine "Northampton County" Büchse bzw. Smoothrifle, was von der Schule her wohl richtig ist.

    Und auch nicht Denn die Büchse ist um 1820 entstanden, von einem Stofel (auch Stoffel oder Stophil) Long. Der hat in

    dem Ort "Stony Run" gearbeitet, was geographisch noch in Berks County liegt, während Northampton "weit weg" liegt,

    da letzteres 1811 in Northampton und Lehigh County aufgeteilt wurde, und nun sich Lehigh zwischen Berks und Northampton

    befindet.


    SMR102.jpgFür Longrifle-Schulen ist das ziemlich gleichgültig, die orientieren sich nicht an der Geographie, sondern an stilistischen Merkmalen die

    zeigen, wo der jeweilige Büchsenmacher gelernt hat, wo er seine Kontakte hatte, sein Material bezog, woher er Anregungen für seine Arbeit bezog,

    und dergleichen mehr. Im Zusammenhang mit Stofel Long wird gerne eine "Allemaengel Schule" erwähnt, nachdem die stilistisch aber identisch mit

    der Northampton/Lehigh Schule ist, darf man diese Details getrost vergessen. Ein Gewehr hat keinen anderen Ursprung, bloß weil es - am gleichen Ort, vom selben Büchsenmacher - ein Jahr vor oder nach einer politischen Entscheidung gebaut wurde.


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    Die Bauweise der Smoothrifle entspricht den Schablonen, mit denen der noch in Deutschland geborene Johannes Moll in den 1770ern die

    Schule begründete, und seine Schüler wie John Moll Jr., Hermann Rupp, John Rupp oder Peter Neihard fortsetzten. Mit den stilistischen Änderungen

    die sich über einen Zeitraum von 50 Jahren eben ergeben.


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    Der Lauf des Gewehrs ist 45,5" lang, im Kaliber .45", und wie gesagt glatt. Das Schloss

    ist britischer Herkunft und mit "London Warranted" gestempelt.

    Die Beschläge sind nicht mehr so nobel gefertigt wie in den 1770ern bzw. 1790ern,

    aber die "Pfeilform" ist unverändert vorhanden.

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    Die zweiteilige Patchbox findet man in identischer Form auch schon bei Johannes Moll um 1770.

    Auch Details wie die Kimme, die in der Mitte der Grundplatte und nicht wie bei den anderen Schulen am

    hinteren Ende der Grundplatte liegt ist korrekt vorhanden.


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    Nicht ganz so ausgeprägt wie bei den frühen Northampton/Lehigh Rifles sind die "doppelten" Kurven an der Unterseite von Kolben und Schafthals,

    die sich am hinteren Ende des Abzugsrahmens treffen. Interessanterweise bei den obigen Aufnahmen von der rechten Seite der Büchse einigermaßen

    gut erkennbar, von der linken Seite nur mehr zu erahnen.

    SMR113.jpgEine sehr schöne Smoothrifle, allerdings ohne die aufwändige Verzierung welche die berühmten Vertreter dieser Schule auszeichnete.

    Nicht weil Stofel Long das nicht gekonnt hätte, sondern weil diese Verzierungen in den 1820er Jahren nicht mehr gefragt waren.

    Ein bisschen mehr Komfort wie er durch die gestifteten Laufkeile geboten wurde allerdings schon.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.