Seltener Perkussionsrevolver

  • Diesen Revolver werden vermutlich nur wenige kennen.

    Auch ich hatte keine Ahnung, dass es den gibt. Dabei

    müsste man gar nicht so weit weg schauen, wie wir es

    gewohnt sind. Denn diese Faustfeuerwaffe stammt aus

    Prag.


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    Entwickelt wurde dieser Revolvertyp von Antonin Vinzenc Lebeda, einem Büchsenmacher

    der am 1. May 1795 in Cernesice bei Prag zur Welt kam, Sohn einer Familie von Bauern.

    Er allerdings wurde im Alter von 12 Jahren Lehrling bei einem Prager Waffenschmied, zog

    dann nach Wien um bei Joseph Contriner zu lernen, anschließend durch praktisch das

    ganze kontinentale Europa, von Büchsenmacher-Meister zu Büchsenmacher-Meister. Bis

    er 1820 die Produktionsstätte von Matyas Brandejs in Karlin bei Prag übernahm. Zwei Jahre

    später bestand er die Meisterprüfung, und übersiedelte das Unternehmen direkt nach Prag.


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    Antonin Lebeda war der erste tschechische Büchsenmacher, der ein Patent für eine Verbesserung von

    Feuerwaffen erhielt. Er entwickelte ein Schloss-Design welches mit einer einzigen Feder arbeitete, und

    das selbst dann noch arbeitete, wenn eine der internen Schrauben beschädigt wurde oder gar brach.

    Bekannt geworden als "Kastenschloss" oder "Prague Lock", und Basis der meisten später entstandenen

    "Back Action Schlosse." Antonin Lebeda verstarb 1857. Bekannt ist Antonin Lebeda auch dafür, für jede

    von ihm gebaute Waffe ein umfangreiches "Logbuch" anzulegen, in dem alle Komponenten, Ideen,

    Bedienung, Eigenschaften etc. ausführlich beschrieben sind. 1969 widmete ihm die damalige

    Tschechoslowakei eine Sonderbriefmarke.


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    Der Revolver entspricht der in den 1850er Jahren üblichen Konstruktion. Bemerkenswert sind

    einige Details, unter Anderem, dass er ausschließlich im Double im Double Action Modus

    funktioniert. Der Hahn kann nicht per Hand betätigt werden. Der Hahn kann in einer Halbrast

    gesichert werden, die auch die Trommel zum Laden frei gibt. Berührt man den Abzugshebel,

    wird diese Halbrast-Sicherung automatisch wieder entriegelt.


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    Ein weiteres interessantes Detail: man dürfte diesen Revolver mit einiger Berechtigung als "Colt mit vollem Rahmen" betrachten.

    Der Lauf wird mit einem gesicherten Laufkeil an der Trommelachse fixiert, allerdings ist der Rahmen nicht oberhalb der Trommel

    offen, sondern es führt ein Steg mit Visier vom Lauf zum hinteren Teil des Rahmens. Der Laufkeil wird durch einen eigenen,

    verschraubbaren Hebel gesichert.


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    In den USA hätte man von einem "Navy"-Revolver gesprochen, das Kaliber ist .36",

    die Trommel fasst 6 Schuss. Der Lauf ist 7" lang, die Bohrung misst am hinteren

    Laufende .365", an der Mündung .356".

    Ungewohnt ist, dass die Ladepresse dieses Revolvers nach links ausschwenkt, und

    die Kugel der unten links liegenden Kammer einpresst.


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    Der Revolver trägt 2 gestempelte Nummern, einerseits "3628" an der Unterseite des Laufs, andererseits

    "192" am unteren Laufrahmen. Ob und wenn ja welche davon die Seriennummer ist, ist ungeklärt.

    Der Holzgriff ist einteilig und mit einer Fischhaut versehen.



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    Zu Antonin Lebeda gibt es umfangreiche Informationen, in deutscher Sprache ist mir allerdings

    nur der Stoeckel bekannt.


    besten Gruß

    Werner


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    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • …. man dürfte diesen Revolver mit einiger Berechtigung als "Colt mit vollem Rahmen" betrachten....

    Nein. Die wirklich interessanten Details sind anders als bei Colt gelöst, so der Rahmen, der Abzug, der Trommeltransport und die Arretierung der Trommel beim Schuss. Die Waffe entspricht in diesen Details der Konstruktion von Adams.

    Rüestow_1864_Adams_1.jpg

  • Ist so weit bekannt, Sammler, aber ist die Adams Konstruktion unbeeinflusst von Colt??

    Ich sprach diesbezüglich oben lediglich von der Art und weise, wie Laufteil und Rahmen miteinander verbuden sind. Die von Dir eingestellte Zeichnung scheint eine einteilige Rahmenkonstruktion zu zeigen, zumindest ist nirgendwo eine Trennlinie, oder ein fixierender Laufkeil eingezeichnet.


    Bei dem oben angesprochenen Lebeda Revolver erfolgt die Fixierung des Laufs wie bei Colt mitteils eines Laufkeils durch die Trommelachse, nur eben stabiler als bei Colt, da durch die Brücke oberhalb der Trommel ein zweiter zuverlässiger Anschlag gegeben ist.


    Was den Rest betrifft - als Double-Action System hat der Abzug zwangsläufig nichts mit Colt zu tun, Sam Colt hat Double-Action Systeme gekannt, aber kategorisch abgelehnt.


    Ansonsten wie Du beschreibst, die Mechanik ist vom Adams- und vom Bentley Revolver beeinflusst, die Sicherung vom französischen Perrin Revolver.

    Man hat voneinander gelernt, damals.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Ist so weit bekannt, Sammler, aber ist die Adams Konstruktion unbeeinflusst von Colt??

    Indirekt schon, direkt aber nicht. Colt hatte kein Patent auf "DEN REVOLVER", sondern Patente auf eine Reihe von Konstruktionsdetails, wie Trommeltransport, Arretierung usw. Und er hatte Anwälte, die jede ungenehmigte Anwendung seiner Patente verfolgten bzw. unmöglich machten. Also mussten Firmen, die nicht von Colts Anwälten in den Ruin getrieben werden wollten, Konstruktionen verwenden, die die Colt-Patente nicht berührten. So auch Adams, oder Lefaucheaux oder eben Lebeda.

    Es gibt eine Darstellung früher Revolverkonstruktionen. Nicht uninteressant, allerdings auch nicht unparteiisch.

    https://books.google.de/books?…Cnste%20Handwerke&f=false


    Ergänzung: Letztlich hat das Ganze zu zwei völlig eigenständigen Entwicklungslinien bei den Revolvern geführt, deren prinzipieller Unterschied die Art der Trommelarretierung beim Schuss ist.

  • Colt hatte bei seinen Konstruktionen auch ganz andere Dinge vor der Brust als europäische Waffenbauer.

    Ein Revolver der in den jugen Vereinigten Staaten bestehen sollte, der musste in erster Linie funktionieren! Da war kein Platz für ein mehr oder weniger kompliziertes Federwerk - es musstd einfach und simpel sein und zur Not auch "draußen" reparierbar.
    Dort gab es nicht alle 20 oder 30 Meilen einen Dorfschmied oder gar einen Büchsenmacher der einem helfen konnte. Da gabs 1000ende Meilen lang - genau - NIX!

    Wenn der alte Sam Colt etwas gelernt hat, dann das, dass seine Waffen einfach sein mussten. Spätestens nach dem Sam Walker über die komplizierte Mechnaik des Paterson klagte wurde es eindeutig, dass der Schlüssel die Einfachheit ist.

    Vom COLT Walker bis hin zum SAA - heute von vielen immer noch nahezu unverändert gebaut - ist die Mechanik gleich geblieben - und das ist auch gut so!

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    Ike Godsey


    --- If it is not a COLT, it is just a copy! ---