Southern

  • Ein nettes, und auch sehr gutes, Beispiel für eine "Southern Rifle"


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    "Typisch" wäre allerdings zu viel gesagt. Eine typische "Southern Rifle" gibt es nicht!

    Man darf nicht vergessen: Wir kennen allein im Bundesstaat Pennsylvania wenigstens

    8 Longrifle Schulen, teils - wie in Berks - mit wenigstens vier Unterschulen die sich durchaus

    wesentlich unterscheiden.

    Und der Sammelbegriff "Southern" umfasst in der Fraglichen Zeit wenigstens die Bundesstaaten

    Virginia, Carolina, Tennessee, Mississippi, Alabama und Georgia. Über weitere ließe sich diskutieren,

    das hängt zum Teil davon ab, von welchem Zeitraum man spricht, und ob die entsprechenden

    Gebiete zu diesem Zeitraum bereits besiedelt waren, und Büchsenmacher dort arbeiteten.


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    Jedenfalls kann man sich denken, dass sich in einem derartig großen Gebiet kein einheitlicher Longrifle Stil entwickelt hat,

    dass im Gegenteil, die Unterschiede wesentlich größer waren als im Norden, wenn es schon im kleinen Pennsylvania

    dermaßen viele Stilrichtungen gab.


    Woran also erkennt man eine "Southern Rifle"?


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    Nun, eindeutige Merkmale gibt es nicht. Vielmehr eine Summe von Indizien, aus denen man seine Schlüsse

    ziehen kann - bzw. muss.

    Das fängt häufig damit an, dass die Bauweise eines begutachteten Gewehrs nicht zu einer der bekannten PA Schulen

    passt, auch nicht zu den (sehr zarten) Ohio Rifles, Maryland beschränkt sich ohnehin (fast) auf John Armstrong dessen

    Stil bekannt ist, … . Sprich das Gewehr passt nicht in den bekannten Bereich. Und - entsprechend der Herkunft der

    Siedler und der Verbindungen nach Europa - wirkt die Mehrzahl der Southern Rifles (mit Ausnahme der Tennessee

    Rifles die ein eigenes Kapitel sind) deutlich "englischer" als PA-Rifles. Stark vereinfacht: Die Konturen haben mehr von

    einer Brown Bess Muskete als von einer verlängerten deutschen Jägerbüchse.


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    Auch werden in der Regel englische Schlosse verwendet, die Unterseite des Kolbens ist gerne - wenn schon

    nicht halbrund so doch im Ansatz abgerundet, oft ohne hinteres Schutzblech. Schaftverschneidungen sind

    eher noch am englischen Barock als am American Rococo orientiert - sprich symmetrisch. Die Beschläge

    wirken gerne "exotisch" - weil anders als die bekannteren aus dem Norden, wo Lehrlinge die Schablonen

    ihres Meisters kopierten und für die eigenen Betriebe übernahmen. Während im Süden jede Familie ihren

    eigenen Stil pflegte.


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    Wirklich nur grob über den Daumen gepeilt möchte ich sagen, dass in PA das Verhältnis "deutscher" Elemente

    an einer Büchse im Vergleich zu englischen Elementen zwischen 90:10 und 70:30 liegt, im Süden zwischen

    70:30 und 50:50. Nicht vergessen: Schon der gezogene Lauf ist ein "deutsches" Element. :saint: Ebenso der

    Abzugsrahmen mit Fingerschiene, die Backe, die Patchbox, … . Mit der Zeit entwickelt man ein wenig Gefühl

    dafür, wobei man natürlich auch immer wieder 'mal Überraschungen erlebt.


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    Das abgebildete Gewehr ist eine sehr schöne Arbeit von Chuck Edwards. Nicht großartig

    spektakulär, aber qualitativ so fein gearbeitet, dass es das auch garnicht notwendig hat.

    Der Lauf ist 44" lang, Kaliber .40", Drall 1:122cm, Gewicht knapp unter 4kg.


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    Der Schaft hat wohl ein schönes Stück Arbeit bereitet, er ist aus einer vollen Ahornblanke herausgearbeitet,

    und nicht verschliffen sondern handgeschabt. Dunkel gebeizt, geölt, fertig. Sagt sich leicht, aber …!

    Nett - und nützlich - ist die Zündloch-Nadel unter der Backe.


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    Chuck Edwards ist kein ganz Unbekannter unter den amerikanischen Longrifle-Makern,

    dieses Gewehr ist immerhin seine No. 90. Da stecken schon ein paar Jährchen Erfahrung

    dahinter.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Ein Ausflug nach Virginia.

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    Ein bemerkenswertes Gewehr, immerhin ist der Lauf 50,5" oder knapp über 128cm lang.
    Kaliber .54", allerdings glatt. Sprich: eine Smoothrifle, aber mit durchgehend 8kantigem

    geschweiften Lauf.


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    Eine flache, aber breite Schaftkappe aus Messing, die Patchbox

    ebenso - im Süden nicht ganz so selbstverständlich wie in Pennsylvania.

    Im Süden findet man durchaus auch Originale mit Eisen-Beschlägen.


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    Für die Zündung der Ladung sorgt ein recht großes englisches Steinschloss, wie

    man es auch an Musketen sowie an Tradeguns findet. Unspektakulär, aber zuverlässig,

    wie die Bauweise der ganzen Büchse irgendwo zwischen 1750 und 1770 einzuordnen.


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    Sehr schön ist die Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzende Kombination englischer

    und deutscher Einflüsse herausgearbeitet. Schön vor Allem, weil das Gewehr zwar

    gekonnt verziert, nicht aber überladen ist, dennoch die unterschiedlichen Stilrichtungen

    zur Geltung kommen.

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    So finden wir Schaftverschneidungen ähnlich wie sie in Christian's Spring

    den Büchsenmacher-Lehrlingen beigebracht wurden (von denen viele

    nach Abschluss ihrer Lehre in den Süden gezogen sind), an der Schwanzschraube

    (siehe die Draufsicht weiter oben) aber die bei den Briten übliche symmetrische

    "Muschel".

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    Die Patchbox wird durch einen einfachen Drahtstift geschlossen gehalten,

    die komplexeren Hebelsysteme etablierten sich erst 20 Jahre später.

    Immerhin ist die zweiteilige Box recht groß und bietet Raum für Pflaster und

    Werkzeuge.


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    Wie vor ein paar Tagen angedeutet: Auf den ersten Blick findet man kaum Unterschiede

    zu noblen Longrifles aus Pennsylvania, dennoch, das Flair ist irgendwie anders. auch wenn

    man die Unterschiede zunächst vielleicht nicht fassen kann.



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    Die Motiv-Wahl der Verschneidungen würde vermutlich besser zu deutschen Jägerbüchsen als zu PA-Rifles passen, und das

    bei einer "Virginia" Rifle.


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    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Sabber!


    Und wer hat diese Smooth-Rifle nachgebaut?

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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.

  • Und wer hat diese Smooth-Rifle nachgebaut?

    Das ist eine Arbeit aus der Brooks Familie, diesmal allerdings nicht Jack Brooks, sondern Mike Brooks.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Mike hat sich den Virginia Rifles verschrieben.

    Die hier wirkt zwar bescheidener, ist aber noch extremer.

    Fast könnte man meinen, die Komponenten seien von einer englischen

    Jagdflinte "geklaut".

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    In der Gegend um James River wurden die Gewehre eben sehr "englisch"

    gebaut. Was aber nicht bedeutet, dass man auf die Vorzüge der Jägerbüchse

    komplett verzichtete.

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    Der 44" ((111,8cm) lange Lauf ist im hinteren Drittel 8kantig, ansonsten rund, leicht geschweift.

    Wie damals bei Flintenläufen üblich. Eine Sonderanfertigung, noch aus den Händen von Don Getz.

    Und - nur äußerlich ein Flintenlauf! Wie schon im 18. Jahrhundert werden auch heute noch derartige

    Läufe gerne gezogen. Dieser hier nach antikem Vorbild mit jeweils sieben gleich breiten Feldern und

    Zügen, Kaliber .54". Jeder Zug ist 3/10 mm tief.


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    Abzugsrahmen: Britisch. Schaftkappe: Britisch, Daumenauflage: Britisch. Kolben-Unterseite

    britisch Halbrund. Aber: Patchbox und Backe. Und natürlich - da Büchse - auch ein vollständiges

    Visier mit Kimme und Korn.

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    Büchsen dieser Art wurden gerne von Milizionären getragen, die Mitgliedschaft

    in der Miliz war für freie Männer in Virginia lange Zeit verpflichtend, die Waffe musste

    der Milizionär selbst bereitstellen. Mit ein Grund dafür, dass diese Gewehre nur

    bescheiden verziert sind. Die Qualität und die Anzahl der Gewehre war wichtiger als

    die Optik.

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    Auch eine sehr schöne Longrifle, Schaft aus Nuss, sehr dunkel gebeizt,

    und durch das oberflächlich künstlich gealterte Metall mit fast schon

    "antikem" Äußeren.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Das ist eine Arbeit aus der Brooks Familie, diesmal allerdings nicht Jack Brooks, sondern Mike Brooks.


    besten Gruß

    Werner

    Ah ja. Mike Brooks.

    Der hat wirklich schöööne Spielzeuge http://www.fowlingguns.com/rifles.html

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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.