Poorboys

  • Noble Longrifles sind hinreichend bekannt.

    Poorboys - oder auch "Schimmel" Rifles genannt - weniger.

    Der Begriff ist zwar geläufig, vielleicht ist es trotzdem interessant,

    'mal ein paar Worte dazu zu verlieren.


    In der Zeit vor und um die Revolution in Amerika war Arbeitszeit billig,

    während Material - da es importiert werden musste - teuer war. Nicht

    das Holz, sondern vor Allem Metall. Noch kannte man die Bodenschätze

    des Kontinents nicht, geschweige denn konnte man sie abbauen. Alles

    musste importiert werden.

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    Benötigte man also ein preisgünstiges Gewehr, wurde vor Allem beim

    Metall gespart. Nicht bei der Ausführung der Waffe. Natürlich, aufwändige

    Verzierungen waren nicht gefragt, aber darüber hinaus waren billige

    Büchsen keine "Sonderanfertigungen". Der Büchsenmacher besaß aus

    seiner Lehrzeit seine Schablonen, und die wurden verwendet. Die Schul-

    Merkmale und Konturen des Schafts unterschieden sich nicht von jenen

    einer noblen Büchse.


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    Gespart wurde wie gesagt bei den Beschlägen. Beim Schloss geht nichts,

    zuverlässige Zündung ist wesentlich. Auch der Abzugsrahmen ist aus Sicherheits-

    Gründen wichtig, selten ein Objekt für Einsparungen. Die Schaftkappe?

    wurde Bei Barnrifles häufig aus Horn oder Knochen gefertigt, oder - wie hier -

    man verzichtete ganz darauf. Ebenso auf die "Toe Plate" also die Schutzplatte

    an der Unterseite des Kolbens.


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    Das Thumbpiece kommt von einer zerstörten britischen Muskete, davon hatten Büchsenmacher

    genug in der "Altmetall-Box", das durfte als Glücksbringer schon aufgenagelt werden. Aber wie schon

    angedeutet, die Qualität bei der Arbeit des Schafts stand einer noblen Büchse um nichts nach. OK,

    zugegeben, keine Verschneidunen, nur - das ist keine großartige Einsparung, Verzierungen hatten

    die Büchsenmacher jener Zeit in ein, zwei Tagen erledigt. Das war Routine. Nur in dem Fall eben

    nicht benötigt.


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    Aber das Gewehr ist genauso schlank wie eine noble Büchse. Überflüssiges Material

    wird schulkonform entfernt. Zudem - wir sind wieder beim Metall - kommt das Gewehr

    mit zwei Ladestock-Halterungen aus - vorne und mittig, und auch auf eine Schloss-Gegen-

    platte wurde verzichtet. Soll doch der Eigentümer aufpassen und - zur Not - neu

    geschäftet ist schnell.


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    Gut, der Lauf der Büchse ist 44" oder ca, 112cm lang, Kaliber .50, das Gewehr wiegt 3,5 kg.

    Ein nüchterner, (fast) schmuckloser, aber dennoch sehr eleganter Gebrauchsgegenstand.

    Hervorragend gearbeitet.


    besten Gruß

    Werner

  • Richtig, Lederstrumpf . Den hat Jack Brooks 2011 verbrochen.

    € 1.800,- hat man dafür abgelegt, bei einem geschweiften .44"Lauf gar nicht soo tragisch,

    wenn ich 'mal an die europäischen Replikas und deren Qualität denke.


    besten Gruß

    Werner

  • Ein vergleichbares Stück, und doch anders:


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    Stilistisch und von der Architektur nicht weit weg von der obigen,

    Dennoch ein anderer Zugang - weshalb sich der Vergleich lohnt.

    Dieses Barngun hat ein anderes "Herz" nämlich einen

    runden, glatten Lauf. Ansonsten aber Büchsen-Eigenschaften.

    Somit eine "Smoothrifle".


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    Ein durchaus intelligenter Zugang für eine Barngun - ein Gewehr,

    das für den unerwarteten Notfallgeladen im Stall oder Stadel geladen

    an der Wand lehnt. Die Handhabung wie bei einer Büchse - mit

    "Fingergrip" am Abzugsrahmen und mit Backe. Aber nicht nur mit

    Rundkugel sondern durch den glatten Lauf auch mit Schrot zu laden.

    Oder - in der Praxis beliebt - mit "Buckshot", also Kugel und Schrot

    gleichzeitig. Damit für jede Eventualität gerüstet, was für ein an der

    Wand lehnendes geladenes "Notfallgewehr" sinnvoll erscheint.


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    Der Lauf könnte von einer Muskete stammen, alles Andere auch aus der

    "Teile-Verwertungs-Box" eines Büchsenmachers. Wie gehabt: keine Schaft-

    Kappe, keine "echte" Schloss Gegenplatte, 2 Ladestock-Halterungen, in dem Fall

    nicht einmal eine Kimme. Kaliber .55", knapp 42" langer Lauf. Vielleicht

    bescheiden aufgebaut, aber davor stehen möchte ich nicht.


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    Dazu ein englisches Schloss. Die ganze Kombination lässt auf ein

    sehr frühes Gewehr als Vorbild für diese Arbeit schließen. Kolonialzeit,

    irgendwann um 1750. Eine Zeit als deutsche Büchsenmacher bereits

    im Land waren, aber britische und englische Tradeguns sowie Musketen

    noch die verbreitetsten Waffen waren, die deutsche Büchsenkultur in der

    neuen Welt noch in ihren Kinderschuhen steckte.


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    Als Barngun eines Farmers in der Kolonialzeit jedenfalls

    eine sehr glaubwürdige Arbeit von Jack Hubbard. 2010 für

    gerade einmal € 1.250,- verkauft.


    besten Gruß

    Werner

  • Diesmal ein "fieses" Ding.

    Die sieht fast schon richtig nobel aus.

    Aber diese allererste Eindruck täuscht!

    Gut, zugegeben, weil`s manchmal sinnvoll sein kann,

    die nötigen Komponenten für einen zweiten Schuss dabei zu haben,

    hat der Büchsenmacher ihr eine Gleitbox verpasst.


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    Und halt auch den Rohling einer Schloss-Gegenplatte poliert und eingefügt.

    Aber das war's dann auch schon.

    Das "noble Aussehen" kommt von 2 Faktoren:


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    1) Der Büchsenmacher hat das Gewehr nach seinen Schablonen gebaut.

    Northampton County Schule. Die wirkt nun einmal elegant.

    2) Das Gewehr war nicht einmal Beize wert. Das Ahorn wurde direkt geölt.

    Der Lauf wurde nur poliert aber nicht bräuniert. Auch das macht einen noblen Eindruck.


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    Ansonsten reine Routinearbeit ohne Besonderheiten. Gut, die

    Signatur ist identisch wie jene auf den tatsächlich noblen Büchsen.

    Schließlich ist der Büchsenmacher an einem Wiedererkennungs-Effekt

    interessiert.

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    (Nach-) Gebaut ist das Gewehr im Stil von Johannes Moll Senior,

    der diesen Stil nicht nur geprägt hat, sondern ihn als Meister

    auch seinen Lehrlingen und Nachfolgern wie seinem Sohn

    Johannes (John) MollSenior, Herman Rupp, Peter Neihart John

    Rupp und wohl noch einigen weiteren vermittelt hat.


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    Das Gewehr hat keine Schaftkappe, keine Nasenkappe, nur zwei

    Ladestock-Halterungen - auf die "Übergangs-Halterung" wurde

    verzichtet. Der Abzugshebel ist simpel und unverziert, die Schloss-

    Gegenplatte hat die Korrekte Form der Northampton County-Schule,

    so wie sie aus der Gussform kommt, ist aber wie gesagt nur poliert, und

    nicht weiter zugeformt.


    Der Lauf ist geschweift und 44" lang, Kaliber.50", Das Schloss ist poliert und

    buntgehärtet.


    Wohl der nobelste und dennoch authentische "Poorboy"-Nachbau den ich

    kenne. Dafür waren bereits 2003 knapp € 2.000,- auszugeben.


    besten Gruß

    Werner

  • Die hier finde ich speziell süß.

    Die Barngun eines deutschen Bauern , der ausgewandert war und sich in Bucks County niedergelassen hat. Erste Generation.

    Was nur eine unbegründete Interpretation meinerseits ist, nur fällt mir das zu dem Gewehr eben so ein.

    Jedenfalls zeigt diese Arbeit sehr schlön, dass es mitunter kleine Details sind, die den Charakter eines Gewehrs ausmachen.


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    Die Kontur ist ähnlich jener des zuvor gezeigten Gewehrs. Kein Wunder, benachbarte Schulen beeinflussten einander.

    Nur hat der Nutzer auf andere Dinge Wert gelegt. Er erwarb die Rifle nicht wirklich als "Barngun", sondern weil er sich

    als Gebrauchsgewehr nichts nobleres leisten konnte. Und dieses Gewehr allemal erstklassig genug gebaut war um in

    den Händen eines besonnenen Farmers eine Waffe zu bieten, auf die man sich verlassen konnte. Ohne die man in der

    damals so wilden Gegend aber verlassen war.


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    Wir kommt man aufgrund von ein paar Standard-Fotos auf solch wilde Spekulationen.

    Nu - die Fantasie spielen u lassen ist erlaubt und legitim. Und auch wenn es auf den ersten

    Blick nicht auffällt, das Gewehr zeigt ein paar Details welche gut zu der Interpretation passen,

    die also der Büchsenmacher - Brian Staley - im Kopf gehabt haben könnte, als er diesen

    Nachbau entwarf.


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    Es sind nur Kleinigkeiten: Für ein Gebrauchsgewehr ist es sinnvoll, den Kolben zu schützen.

    Mehr als für eine alle heiligen Zeiten 'mal geschossene Barngun. Also wurde eine Schaftkappe

    angebracht. Keine aus Messing gegossene, sondern eine simple, zugeschnittene Messingplatte

    die einfach um den Kolben "gewickelt" und an der Ober- und Unterseite angeschraubt wurde.

    Simpel, aber wirksam, wenn man das Gewehr zum Laden am Boden abstützte.


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    Und - es sind, vielleicht von einer zerstörten Muskete - Riemenhalterungen angebracht. Die waren einerseits

    eine spezielle Vorliebe deutscher Siedler, andererseits bei einem in der Scheune abgelegten Gewehr überflüssig

    Und schon hat man sein Bild gestaltet.

    Natürlich darf, kann und soll jeder sein eigenes zeichnen.


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    Ansonsten hat sich der Büchsenmacher jede unnötige Arbeit gespart.

    Backe vorhanden, aber unten nur glatt zugerformt, keine Mündungskappe,

    kein fließender Übergang zwischen Griffbereich und Vorderschaft, eine

    einzige Ladestock Halterung, der Abzug entspricht quasi dem Rohling,

    nicht zugeformt und - wie man durch die weggelassene Schloss-Gegemplatte

    erkennt - einfach nur durch einen Stift im Schaftholz montiert.


    Schönes Stück mit Charakter, Geschweifter 39" langer Lauf im

    Kaliber .54" größer als üblich, somit auch näher an der deutschen Jägerbüchse.


    Schöne Arbeit, die 2011 für lächerliche €999,- zu haben war.


    besten Gruß

    Werner

  • Richtig beobachtet, Lederstrumpf, obwohl ich das nicht soo krass sehe.

    Mehrere Faktoren spielen eine Rolle.

    * Das Gewehr wirkt schon deshalb etwas gedrungener, weil der Lauf im Vergleich gut 10-fast 20% kürzer ist.

    * Im Bereich des Ladestock-Kanals ist der Vorderschaft flach geformt, was den Kontrast zuim "Handschaft" verstärkt.

    * der Schafthals kommt von der Schablone, während beim Vorderschaft Fleisch gelassen wird, damit sich der Bohrer

    beim Erstellen der Ladestock-Bohrung nicht verläuft. Der verläuft sich nämlich wenn dann grundsätzlich hin zumj

    dünnwandigen Bereich. Bei noblen Gewehren wurde das nachträglich abgetragen, hier war's halt nicht so wichtig.

    * Interessanterweise verstärkt sich der Effekt von hinten nach vorne. Wenn ich das richtig sehe, wird auch die Seitenkante

    des Laufs nach vorne zu mehr abgedeckt. Kann aber auch am geschweiften Lauf liegen. Da müsste man das Gewehr schon

    in den Händen halten.


    besten Gruß

    Werner

  • Wenn weniger mehr ist, muss diese Büchse ganz viel sein!

    Heute werden Longrifles oft als "Poorboys" angeboten, weil die Erbauer nichts besseres

    zusammenbringen, die Gewehre aber doch verkaufen wollen. Mitunter unterscheiden sich

    die Gewehre von noblen Rifles weniger durch Sparsamkeit als durch stümperhaften Aufbau.

    Was bei den bisher gezeigten Gewehren nicht zutreffen sollte, und auch bei dem folgenden

    nicht. Dieses ist tatsächlich ein Musterbeispiel an Sparsamkeit.


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    Viel ist nicht mehr da, worauf man hätte verzichten können. Vielleicht wäre es noch möglich

    gewesen, den Abzugsrahmen aus Blech zu biegen statt einen gegossenen zu verwenden, ansonsten

    fällt mir eigentlich nichts mehr ein, was man hätte weglassen können.


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    Wenn ich mir aber die Passung der wenigen vorhandenen Teile so ansehe,

    komme ich nicht auf die Idee, der Büchsenmacher hätte sein Handwerk nicht

    verstanden. Im Gegenteil, die wenigen Metallteile sind ausgesprochen sorgfältig

    und gut ins Holz eingelassen, besser als so manches, was man heute von NC-

    Maschinen kennt.


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    Die Liste der verbauten Teile ist allerdings kürzer als jene der Komponenten,

    auf die verzichtet wurde: Es gibt keine Schaftkappe, keine Mündungskappe,

    keine Schloss-Gegenplatte, zwei der üblichen drei Ladestock-Halterungen fehlen,

    Weder Schloss noch Lauf wurden bräuniert, kein Teil übrig, den man ganz weglassen

    hätte können, ohne die Funktion zu beeinträchtigen.


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    Die Arbeit beschränkt sich auf Sinnvolles. Der Schaft ist nicht außergewöhnlich schlank

    gefertigt, die Schlosspaneele sind nicht besonders ausgeprägt konturiert, auch der

    Vorderschaft nicht. Aber die Backe ist deutlich geneigt, so dass sie durch den Rückstoß

    keine Ohrfeigen austeilen kann,


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    Ein niedliches Gewehr, das 2006 beim Dixon's Gun Fair den Preis

    für die beste Neulings-Arbeit gewonnen hat.

    39" langer Lauf, Kaliber .50", 3,65kg, englisches Durs Egg Steinschloss,

    wie es zwischen 1770 und 1810 ausgeliefert wurde.


    besten Gruß

    Werner

  • Und wieder eines! :saint:


    Die Schaftkontur entspricht einer der vielen in Berks County/PA ansässigen Schulen.

    Berks ist diesbezüglich recht kompliziert, da muss man sich schon etwas in der Literatur vertiefen.

    Ob Reading, Blue Mountains, Tulpehocken, Oley Valley, Schuylkill, … alles Berks County Schulen.

    Recht viel für einen Bezirk.



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    Was einem Farmer der ein Gewehr benötigte ziemlich gleichgültig gewesen sein wird.

    Der wollte für einen möglichst guten Preis ein Gewehr, dass ihm in möglichst allen Lebenslagen

    hilfreich sein kann. Wie zum Beispiel eine solche Smoothrifle.

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    Ein einfacher Ahornschaft praktisch ohne jede Beschläge, Abzugsrahmen aus Messingblech,

    gebogen, zwei Ladestock-Halterungen und das war's auch schon. Mit Hilfe von Schabern einigermaßen

    in Form gebracht, allemal ausreichend um gut in der Hand zu liegen und unter den jeweiligen

    Umständen optimal zu treffen. Korn und Kimme sind am glatten Lauf montiert, letzterer ist

    knapp 42" lang, im Kaliber .54". Und er verschießt - je nach Bedarf - gepflasterte Kugeln oder

    Schrot, gegebenenfalls auch beides gleichzeitig.

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    Von einer Büchse ist gerade einmal das vollständige Visier sowie die Backe übernommen,

    Was ausreicht, um die Bezeichnung "Smoothrifle" zu rechtfertigen. Auch das Holz ist nur

    minimal bearbeitet. Aqua Fortis als Beize, sowie Öl und Bienenwachs. Ende. Reicht auch.

    Billiges Holz halt, daher ein paar Risse, damit konnte man aber leben.


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    Das Schloss ist aus einem "Gunmaker Kit" von Jim Chambers entstanden, im Prinzip

    ein "fertiges" Schloss auf einer großen, rechteckigen Grundplatte, die man nach den

    eigenen Bedürfnissen zuformen kann. was ausreichend gut und glaubwürdig gelungen

    ist.

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    Aufgrund des glatten Laufs vielleicht nicht unbedingt bewerbstauglich, ansonsten aber

    ein sehr schönes Gebrauchsgewehr. Originalgetreu? Schwer zu beantworten - von Waffen

    dieser Art gibt es praktisch keine erhaltenen Originale. Im Gegensatz zu den etwas nobleren

    Gewehren wurden diese Gebrauchswaffen auch verbraucht, von Originalen sind meist nur

    Fragmente erhalten - wenn überhaupt.


    besten Gruß

    Werner

  • Büchsen wie diese zählen mit zu meinen erklärten Lieblingen!

    Auch die noblen Büchsen der Asse aus den PA Schulen. Auch wenn man die

    Gemeinsamkeiten auf den ersten Blick nicht wahrnimmt, aber eine Northampton County

    Büchse eines Hermann Rupp wurde eben normalerweise nobel gefertigt, das ist ihre

    natürliche Bauweise. Und eine Tennessee Büchse eines unbekannten Hufschmieds der

    in seiner Freizeit halt auch Gewehre baut - weil die Gemeinde Gewehre brauchte - baute

    diese eben so einfach wie möglich, und so komplex wie notwendig. Das ist deren natürliche

    Bauweise.


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    So betrachtet ist nahezu jede Tennessee Büchse eine Art "Poorboy", eben in unterschiedlichen

    Ausprägungen. Die hier zählt eher zur Kategorie "Ganz poor" ::c.o.l). Der Büchsenmacher hat

    nahezu alles weggelassen, was nicht unbedingt erforderlich ist. Und sich auch bei der Arbeit am

    Schaftholz auf das Notwendigste beschränkt. Was der Büchse den typischen "Tennessee-Charme"

    gibt.


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    Der Lauf ist 42" lang, bei einer konstanten Schlüsselweite von 2.38cm und einem

    Kaliber von .32". Drall: 1:122cm. Nicht unbedingt die ideale Bewerbsbüchse, nur -

    zu diesem Zweck waren solche Büchsen auf nicht gedacht. Landläufig werden sie

    bekanntlich gerne als "Squirrel Rifles" bezeichnet, wurden aber auch oft als "Hog-

    Rifles", also zum "Schlachten" der eigenen, freilaufenden Schweine verwendet.

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    Die Schaftkappe ist bemerkenswert. Sie beschränkt sich auf ein Stück Geweih vom

    Weißwedel-Hirsch am Kamm des Kolbens, sowie einem Stück Schutzblech an dessen

    Unterseite, während die Auflagefläche aus ungeschütztem Schaftholz belassen wurde.


    Der Abzugsrahmen ist aus Eisenblech geschmiedet und gebogen, die einzelnen Teile

    miteinander verlötet. Das erledigt ein Schmied in wenigen Minuten.


    Englische Steinschlosse wurden in der Gegend bis in die frühen 1830er bevorzugt,

    dann kamen die Perkussions-Schlosse, bzw. wurden Steinschlosse auf Perkussions-

    Zündung konvertiert. Auch hier. Wozu noble Fertigung? Zeitverschwendung! Das

    Schloss muss anständig montiert sein - zwei Schrauben zur Befestigung - alles Weitere

    ist überflüssiger Luxus.


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    Wobei dieses "Baby Durs Egg" Schloss sufgrund seiner geringen Abmessungen sehr gerne für Pistolen

    verwendet wurde, aber seinen Dienst auch auf Büchsen hervorragend verrichtete. Jedenfalls ließ sich

    der Schaft damit recht schlank halten.


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    Die "zweigeteilte" Schloss-Gegenplatte ist fast schon auch ein Tennessee-Feature,

    fast schon ein Wunder, dass sich der Schmied nicht auf die Schrauben und ev. zwei

    Beilagscheiben beschränkt hat. Aber bei aller Primitivität: Jede Wette: wenn man sich

    an das .32" Kaliber 'mal gewöhnt hat, trifft diese Büchse verdammt gut!


    besten Gruß

    Werner

  • Nachdem TOW gerade wieder einmal einen "Schimmel" anbietet, muss ich

    diesen Alten Thread doch auch wieder 'mal weiterführen. Ein bemerkenswerter

    "Poorboy" nach der Northampton County Schule.


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    Obwohl mehr als sparsam, wirkt das Gewehr allein schon durch seine Kontur elegant.

    Die ist 100% schulkonform, mit dem breiten, aber niedrigen Schafthals sowie den beiden

    konkaven Kurven an den Unterseiten von Kolben und Schafthals sowie der konvexen

    Krümmung der Kolben-Oberseite.


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    Mit ein Wenig Übertreibung könnte man behaupten, das meiste Metall

    an den Gewehr macht die - gefälschte - Reparatur des Schafthalses aus.

    Tatsächlich wurde auf eine Schaftkappe verzichtet, auf die Mündungskappe,

    auf die Schloss-Gegenplatte, sowie auf zwei Ladestock-Halterungen.

    LVS03.jpgLVS04.jpg

    Dadurch wird das Gewehr zwar empfindlicher, insbesondere beim Laden

    sollte man auf die Kolben-Rückseite aufpassen, aber wen das nichts ausmacht,

    der sollte sich ein schnelles Zuschlagen überlegen. Ein solches Gewehr mit

    48" (122cm) langem Lauf ist um ca. € 1.550,- ein Geschenk. Wird schnell weg sein.


    LVS05.jpg

    Schloss ist das Siler Deluxe von Jim Chambers, quasi der "Roboter" unter den Steinschlossen,

    gibt es seit mehr als 30 Jahren, ist aber nicht unterzukriegen. Zündet zuverlässig, ist zwar

    unscheinbar, aber immer noch das Maß der Dinge. Der 48" Lange Lauf ist allerdings glatt, und

    im Kaliber .56" gebohrt. Von dem Gesichtspunkt betrachtet widerum nicht jedermanns Sache.


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    Trotzdem finde ich die Kleine richtig süss, und absolut

    repräsentativ für ein Allzweck-Gebrauchsgewehr gegen

    Ende des 18. Jahrhunderts.


    besten Gruß

    Werner

  • Auf mich wirkt das Dingens nicht elegant sondern einfach nur unproportioniert.

    Würde ich mir nicht mal geschenkt an die Wand hängen wollen -

    ist aber sicher nur Geschmacksache ::dry::

    "Im Leben braucht man zwei Dinge - Ignoranz und Überheblichkeit

    und

    der Erfolg ist einem sicher."

    (Mark Twain)

  • Auf mich wirkt das Dingens nicht elegant sondern einfach nur unproportioniert.

    Würde ich mir nicht mal geschenkt an die Wand hängen wollen -

    ist aber sicher nur Geschmacksache.::dry::


    Mit Geschmack hat das wenig zu tun, Captain Cat .

    Dass Dir das Gewehr nicht gefällt ist Geschmacksache, und selbstverständlich absolut ok.


    Dass Dir das Gewehr unproportioniert erscheint ist auch OK, hat aber nichts mit Geschmack zu tun,

    sondern damit, dass Du Dich mit den Konstruktions-Methoden sowie den Anforderungen der Ära,

    in der solche Gewehre gebaut wurden, nicht auskennst - so wie ich mich mit modernen Gewehren

    und den an sie gestellten Anforderungen nicht auskenne.


    Aber Du darfst sicher sein, kein Mensch hätte damals ein unproportioniertes Gewehr gekauft,

    entsprechend wäre eine Schule die unproportionale Gewehre produziert nicht berühmt geworden

    sondern sehr schnell wieder verschwunden. Korrekte Proportionen hatten wesentlichen Einfluss auf

    die Funktion, und von der einwandfreien Funktion hing damals das tägliche Überleben ab. Gerade

    bei einem dermaßen langem Gewehr waren korrekte Proportionen wichtig, da es andernfalls extrem

    unhandlich, langsam zu bewegen, etc. wird.


    besten Gruß

    Werner

  • Mit Geschmack hat das wenig zu tun,

    Dass Dir das Gewehr nicht gefällt ist Geschmacksache, und selbstverständlich absolut ok.


    Dass Dir das Gewehr unproportioniert erscheint ist auch OK, hat aber nichts mit Geschmack zu tun,

    Wozu diese Widersprüche in sich und dieses Herumgeeiere um meinen ganz persönlichen Geschmack ?


    Ich habe weder behauptet es WÄRE so, noch das ich Ahnung von dieser Schule oder deren wirtschaftlichem Überleben oder dem damaligen Käufergeschmack habe, noch habe ich die funktionale Geometrie der Waffe angezweifelt -


    ich schrieb schlicht und ergreifend wie es A U F- M I C H - W I R K T !


    Du stellst hier Waffen vor.


    Bei der letzten schrieb ich " gefällt mir, ging schon weniger Schönes für mehr Geld weg".

    Bei der hier schrieb ich "gefällt mir nicht, würde ich nicht mal geschenkt an die Wand hängen".


    So what auf Denglisch ?


    Mehr ist dazu nicht zu sagen - und ganz sicher ist deswegen auch keine germanistische Abhandlung über die Definition von Geschmack und Geschmacksache nötig

    :P

    "Im Leben braucht man zwei Dinge - Ignoranz und Überheblichkeit

    und

    der Erfolg ist einem sicher."

    (Mark Twain)

  • Mehr ist dazu nicht zu sagen - und ganz sicher ist deswegen auch keine germanistische Abhandlung über die Definition von Geschmack und Geschmacksache nötig

    "Nötig" ist (hier) garnichts, nur - man plaudert eben.

    Ich versuche eben, eigentlich sachliche Argumente von den emotionalen zu trennen. Schlicht weil's ein interessantes Thema ist.

    Hat nur bedingt mit Waffen zu tun.

    Ist - nur zum Beispiel - immer wieder witzig für mich selbst zu beobachten, wie viel schlechte Musik mir gut gefällt, und wie viel

    sehr gute Musik mir überhaupt nicht gefällt. Natürlich gefällt mir auch viel gute Musik, und viel schlechte Musik gefällt mir auch

    nicht, nur das ist quasi "Normalität" - Interessant sind die Dinge die aus dem Rahmen fallen, und die Gründe dafür.


    Dazu gehört - was ich persönlich einfach interessant finde - dass es viele Dinge gibt die erst gefallen, wenn man gelernt hat sie

    zu verstehen. Auch "gefallen" ist nicht ausschließlich eine Frage des Geschmacks.


    Abgesehen davon schätze ich Deine Beiträge einfach,

    und wenn mir etwas dazu einfällt, schreibe ich das eben auch.

    Schließlich ist ein Forum nicht zum Schweigen da. :sla:


    besten Gruß

    Werner

  • , wie viel schlechte Musik mir gut gefällt, und wie viel

    sehr gute Musik mir überhaupt nicht gefällt. Natürlich gefällt mir auch viel gute Musik, und viel schlechte Musik gefällt mir auch

    ... wobei sich dabei die grundsätzliche Frage aufwirft: Was und wer klassifiziert das "gut od. schlecht" ?::c.o.l)

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    Wer ned liabt und wer ned lacht, wer nia kloane Fehler macht,

    wer nia guad isst und trinkt zugleich, der is lebendig scho a Leich.

  • Was und wer klassifiziert das "gut od. schlecht" ?

    Beispielsweise die umfassende Harmonielehre, die ja nicht nur die Regeln "unserer" Kultur berücksichtigt, sondern auch asiatische, südamerikanisch/indianische, diverse antike, …, …, Vorstellungen, Strukturen, Regeln, Tonleitern - teils auch in Viertelton und kleineren Intervallschritten etc. .

    Man merkt halt, ob hinter Musik (und sei es volkstümliches) Wissen steckt, oder ob jemand nur auf einen Zug aufspringt um mitzunaschen, ohne jeden Hauch von Ahnung. Man merkt auch ob talentiert aber ungeübt - sprich entwicklungsfähig, oder hoffnungslos.

    Zugegeben, teilweise klassifiziere ich das auch selbst und subjektiv, aber ich weiß halt: Wenn ich Musik mache, dann ist die schlecht...! :P


    besten Gruß

    Werner