Andrew Verner und der Bucks County Stil

  • Dumme Sache, eigentlich war es nicht meine Absicht,

    gleich wieder etwas einigermaßen Nobles zu beschreiben,

    nur - wenn man die Bucks County Schule bespricht,

    kommt man an Andrew Verner nicht vorbei. Immerhin gilt er als

    Gründer dieser Longrifle Schule, jedenfalls ist er jener Meister,

    bei dem im späten 18. Jahrhundert die meisten Büchsenmacher

    der Region das Handwerk erlernt haben.


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    Die abgebildete Büchse ist eine 100%ige - und sehr gut gelungene - Kopie

    einer der beiden erhaltenen signierten Originale von Andrew Verner.

    Gebaut von Ron Luckenbill, der 'drüben' ausreichend bekannt ist, um für

    diese Arbeit für Vermessungen etc. Zugriff auf das Original zu bekommen.


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    Die Gußformen für die Beschläge wurden übrigens schon vor längerer Zeit mit Hilfe der Beschläge des Originals

    gefertigt, wer will kann einen Satz bestellen. Ron hat sich - wie zu erwarten - einen derartigen Satz besorgt.


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    Herz der Büchse ist ein knapp 117cm (46") langer geschweifter Lauf im Kaliber .50".

    Das Schloss ist ein Siler Golden Age, leicht adaptiert um dem Original zu entsprechen.

    Selbst die Violin-Beize entspricht weitestgehend jener, die vor bald 250 Jahren für das

    Original verwendet wurde.


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    Ein bekanntes Charakteristikum von Bucks County Rifles ist, dass das Scharnier der Patchbox

    an der Unterseite des Deckels liegt, dieser also nach unten öffnet, und dass dieser Deckel

    häufig die Signatur des Büchsenmachers trägt. Wie legitim es ist, A. Verners Signatur bei einem

    Nachbau zu kopieren kann man diskutieren, bei dieser Büchse ist das jedenfalls geschehen.

    Wer auch nur einen Hauch von Ahnung hat, wird dennoch nicht glauben, dass es sich um ein

    250 Jahre altes Original handelt.


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    Die lange Fahne an der hintersten Ladestock-Halterung ist ein gerne benutztes

    Mittel, um die Folgen eines sich verlaufenden Bohrers beim erstellen der Ladestock-Bohrung

    zu tarnen. Andrew Verner hatte derartiges allerdings nicht notwendig, hier ist diese Fahne

    reine Verzierung.


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    Typisch für Bucks County Büchsen ist, dass ausschließlich eingelassene Schaftverschneidungen

    angebracht wurden, nicht - wie z.B. in Berks oder Lancaster - 3dimensionale, erhabene Motive.

    Was den Büchsen einen gewissen, eigenwilligen Charme gibt, keinesfalls wirken sie deshalb "minderwertig".


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    Andrew Verner hat auch Pistolen gefertigt. Zwar ist kein signiertes Exemplar erhalten,

    aber man darf ja interpretieren, wenn man sich schon gerade so intensiv mit dem Stil Verners

    beschäftigt hat. Hat sich Ron Luckenbill wohl gedacht...

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    Und so kommt es, dass wir hier eine Kentucky-Pistole bewundern dürfen,

    die mit jenen der Replika-Hersteller wohl bestenfalls die Kontur gemeinsam hat.


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    Wie auch die Büchse gezogener Lauf im Kaliber .50,

    solche Pistolen wurden nicht selten gemeinsam mit einer

    bestellten Büchse verkauft.


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    Und das war's dann auch schon.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Manchmal gibt es witzige Zufälle: In Folge das Gewehr, mit dem ich das Thema eigentlich beginnen wollte.

    Ich hab' dann nur die Verner Rifle als Einführung vorgezogen.

    Und siehe da, - im Nachhinein bemerke ich erst, dass die nun gezeigte Büchse ebenfalls von Ron Luckenbill

    gefertigt wurde. Die Welt ist klein.

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    Hier sind wir nun, wie eingangs angedeutet, nicht mehr bei den ausgesprochen noblen Gewehren.
    Zumindest nicht in Bezug auf die Verzierungen. Die Linienführung der Bucks County Rifles finde zumindest

    ich persönlich als ebenso genial wie jene der Northamton County (= Lehigh = Bethlehem) Rifles.


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    Was nicht weiter verwunderlich ist, wir sprechen - geographisch - von einer Hügelkette in Pennsylvania,

    Ging man den Kamm entlang nach Südwesten, lag am Hang zur Rechten Hand Northampton County,

    am Hang zur linken Hand Bucks County. Man pflegte recht engen Kontakt, verwendete Komponenten von den

    selben Händlern. Der Arbeitsstil war unterschiedlich, aber verwandt.


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    Wobei, die Kleine kann schon 'was: der Lauf ist 44" lang, im Kaliber .54". Das Gewehr wiegt (dennoch) gerade 'mal 3.9kg.

    Ein Detail vieler Bucks County Büchsen, technisch unwesentlich aber ich schätze es eben sehr: die abgesetzt halbrunden

    Enden an Abzugsrahmen und Schaftkappe. Einfaches Design, tolle optische Wirkung.


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    Das Schloss, ein Ketland von Jim Chambers, war Anfangs des 18- Jahrhunderts

    weit verbreitet. Was uns den Zeitrahmen gibt, dem wir das Gewehr zuordnen.

    Der Stecher ist Davis Stangenware. Heute an nahezu jeder amerikanischen

    Custom Rifle zu finden. Nicht besonders hübsch, aber gut.


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    An der Rückseite kommen die fließenden Linien dieser Schule sehr schön zur Geltung.

    Langer Schafthals, die Unterseite des Kolbens stärker gekrümmt als die Oberseite,

    die Verlängerung der Oberseite des Kamms würde die Schwanzschraube berühren.


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    Die einfache, einteilige Patchbox mit dem unten liegenden Scharnier

    war in Bucks weit verbreitet. Bei der hier ist mir der Öffnungsmechanismus

    nicht ganz klar, weil "unsichtbar". Kann über die Schaftkappe angesteuert sein,

    oder aber auch über die Messingplatte an der Unterseite des Kolbens.

    Beides ungewöhnlich, meistens ist der Stift der die Verriegelung betätigt sichtbar.


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    Die ausschließlich eingeschnittenen Verzierungen am Schaftholz verstärken den schlanken Eindruck der Büchse,

    weil eben keine erhabenen Elemente vorhanden sind. Ein rein optische Eindruck, für das Gewicht des Gewehrs

    irrelevant. aber als "Holzgravur" ein eigener Stil, der mit den Gravuren am Metall oft sehr schön harmoniert.


    Das war's auch schon.

    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Danke abermals , lieber Werner!


    Könnte es sein, dass du dich hinsichtlich der Datierung leicht vertan hast? Anfang des 18ten Jahrhunderts wäre kurz nach 1700 gewesen. Steinschlosse wie die Ketlands mit Rolle an der Batteriefeder etc. sind m. E. um 1800, also Anfang des 19ten Jahrhunderts einzuordnen. Liege ich da richtig?


    Lederstrumpf

  • Das mit der Patchbox ist wirklich hochinteressant. Tatsächlich scheint der vordere Teil der unteren Schaftplatte der Auslöser zu sein.


    Im Netz fand ich folgendes:


    "Anyone ever encountered a patch box lid button like the one pictured? It is under the front end of the toe plate, somewhat hidden, and you depress the front of the toe plate to open the lid. It may not be clear but the wood beneath the toe plate is inlet to exact shape of the plate."


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    Lederstrumpf



  • So ist es, Lederstrumpf, tatsächlich meinte ich Anfang des 19. Jahrhunderts.

    Und - genau die Art von Auslöser hatte ich aufgrund der "gewölbten" Messingplatte im Kopf,

    habe ich aber in der Praxis noch nie gesehen, und angesichts der Verschraubung

    erschien mir der Gedanke etwas gewagt.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Ah - direkt von Ron's Webstite? Die will ich mir am Wochenende vornehmen.

    Der Mann ist weit besser als ich bisher wusste. Die angesprochene Büchse wird

    gerade bei TOW verkauft, von dort hatte ich die Bilder.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Nicht gerade billig, aber sicher den Preis wert! https://www.trackofthewolf.com…Detail.aspx/487/2/AAS-043

    Das lässt mich die Preise für Vorderlader bei US Gun Shows in einem neuen Licht sehen. Da gibt es auch traumhaft schöne Exemplare zum erschwinglicheren Preis als diese. Track of the Wolf bietet für den Vorderlader Freund alles an was das Herz begehrt, leider muss man bei deren Bausätzen Büchsenmacher sein - anders als bei italienischen Bausätzen (mein erster Vorderlader war ein solcher ;))

    Gruss, Alex


    DSU, DSB, FWR, NRA, GRA

  • arinner

    Woher hast Du die Info, dass man bei den TOW-Kits fast schon Büchsenmacher sein muss. Sie sollen so weit vorgefertigt sein, dass man auch mit wenig Vorerfahrung mit italienischen Bausätzen ganz gute Ergebnisse hinbekommen kann. Wobei ich den Eindruck habe, dass die Italienischen und spanischen Bausätze oft eine Resteverwertung von B-Rohware ist.


    Wer es komfortabler haben will, könnte mit einem Bausatz von Jim Kibler ganz gut hinkommen. Es gibt da einen Southern Mountain Kit, mit etwas Aufpreis auch als "in the white" und einen Bausatz für eine Colonial Lonrifle. Ich selbst bin in Versuchung, mir den Southern Mountain Kit zu bestellen. https://kiblerslongrifles.com/…untain-rifle-kit-base-950

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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.

  • Woher hast Du die Info, dass man bei den TOW-Kits fast schon Büchsenmacher sein muss.

    Vorgefertigt für wenig Vorerfahrung - Das sind sie leider nicht. Ich habe kürzlich eins bestellt und geliefert bekommen. Kein Vergleich zu italienischen Bausätzen! Am Lauf hätte ich zahlreiche "spanabhebende" Arbeiten vornehmen müssen, um Kimme, Korn und Halterung einpassen zu können. Die Arbeiten am Holz wären nicht das Problem gewesen, aber die erforderliche Metallbearbeitung traue ich mir nicht zu.

    Gruss, Alex


    DSU, DSB, FWR, NRA, GRA

  • Was Bausätze betrifft: italienische und spanische "Kits" sind einfach die normalen Waffen von der Stange, so wie sie aus der CNC-Maschine kommen.

    Nicht verschliffen, nicht poliert, aber ansonsten lediglich Zeitaufwand ohne jede Vorkenntnisse.


    TOW Kits sind überhaupt keine Hexerei. Allerdings sind ein paar Kleinigkeiten zu beachten:

    1I Man braucht ein paar Werkzeuge! Amerikanische Werkzeuge! Weil Zollschrauben verwendet werden, und man die diversen Bohrungen selbst machen muss, ebenso die Gewinde schneiden.

    2) Man muss - insbesondere als Anfänger - die Arbeit gut planen und in kleine, klare Schritte teilen. Nicht - weil man 10 Minuten Zeit hat - irgendetwas tun, von dem man nicht genau weiß wohin es führen soll.


    Beachten sollte man auch, dass TOW-Kit nicht gleich TOW-Kit ist. Es gibt Schäfte, bei denen Schloss, Schaftkappe und Abzug voreingelassen sind, und solche, bei denen man die selbst einlassen muss. Erstere sind einfacher zu erstellen, nur ist man auf die Hardware, (Schloss, Schaftkappe, …) beschränkt für die der Schaft eingelassen wurde. Bei Zweiteren hat man die freie Wahl. Und auch die Möglichkeit, sich von den Vorgaben zu entfernen. TOW ist da sehr flexibel. Man streicht aus dem Lancaster-Bausatz einfach alle Teile außer dem Schaft und den Lauf, und bestellt stattdessen Virginia-Teile, und baut auf Basis des Lancaster-Schafts eine Virginia Rifle. Oder verzichtet auf einige Teile ganz, um sich beim Buntmetall-Händler Messing-Blech zu besorgen und selbst zu sägen und zu feilen.

    Nur - wie gesagt - nicht wild drauf los, sondern geplant. Man sollte schon wissen, wohin man kommen will. Und nicht irgendwelche Formen zusammenpfuschen, sondern sich auch um die historische Wahrheit kümmern. Literatur gibt es ausreichend, wenn man nicht ausreichend Englisch kann, - die Fotos und Zeichnungen reichen zumeist.


    besten Gruß

    Werner

    Wenn Schusswaffen die Ursache für Gewalt und Leid sind, muss die Menschheit vor dem 13. Jahrhundert friedfertig und glücklich gelebt haben.



  • Man kann übrigens auch verschiedene Arbeiten an den TOW-Kits fertig machen lassen.


    z.B.:

    Options:

    1 - [LABOR-BP] Gunsmithing Labor: install breech plug, fitted inside [$25.00] Special Order, 3 to 7 days, not refundable.
    2 - [LABOR-DS] Gunsmithing Labor: mill dovetail & install sight, per operation [$25.00] Special Order, 3 to 7 days, not refundable.
    3 - [LABOR-UL] Gunsmithing Labor: install lug staple, or dovetail lug, for key or pin, per operation [$25.00] Special Order, 3 to 7 days, not refundable.


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    In meinen Beiträgen verwende ich bewusst Satire, Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen, um zu verdeutlichen. Auch ohne Kennzeichnung dieser Stilelemente sollte sich der Leser dessen bewusst sein.